Abgeschossen.

Wie ein schon seit Monaten gespannter Flitzebogen, ist all das Angespannte abgefeuert worden und ich weiß wieder, wie sich ein entspannter Bogen anfühlt. Erst nach dem entscheidenden Moment merke ich, wieviel Tonnen ich mit mir herumgeschleppt habe.

Die Übersetzung hat sich ausgezahlt, eine zu tilgende Schuld ist zu Ende gegangen, ein Lichtlein tut sich am Horizont des Jobhimmels auf und ein Mensch, mit dem ich vor Jahren das letzte Mal zu tun hatte, rief mich an um sich ein offenes Ohr von mir zu leihen. Letzteres ist in Zeiten der Ereignislosigkeiten etwas Besonderes: die Person hat sich nach so langer Zeit an mich erinnert und mich um ein Gespräch gebeten.

Außerdem ist das Laptop-Problem geklärt und ich besitze wieder eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, mit der ich erstmal meine mir altbekannte Stadt von A bis Z abfahren werde.

Ich atme sehr tief auf.

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Wunder.

Deutschland, Symphoneehausen, Computertisch:

11.30 Uhr: der Liebste muss für die Arbeit etwas nachreichen und loggt sich in sein Arbeitspostfach ein.

11.32 Uhr: es ertönt ein lauter Freudenschrei.

11.33 Uhr: wir sind Besitzer eines abgelegten Arbeitslaptops und das ganz umsonst.

11.34 Uhr: wir tanzen durch die Wohnung.

18.44 Uhr: ich esse eine Tafel Schokolade.

Wut.

Eigentlich hatte ich darüber nachgedacht, einen Eintrag zum Thema #Aufschrei zu schreiben. Ich denke über solche Aktionen immer etwas länger nach, bevor ich mitmache. Ich bin meistens bedacht. Außer jetzt. Gerade bin ich voll geladen.

Und es ist niemand direkt schuld, an keinem könnte ich es auslassen, aber ich könnte platzen. Unser Laptop macht Probleme. Zum Hochfahren müssen wir ungefähr zehnmal neustarten bis er hochfährt. Jedesmal habe ich Angst, dass er es diesmal nicht packen könnte. Es ist unser einziger Computer. Ich brauche ihn. Un-be-dingt. Das bringt mich zur Verzweiflung.

Wieso ich wütend bin? Nun, um etwas besser zu machen, haben wir das ganze Betriebssystem neu auf den Laptop gespielt und unsere Dateien und Dokumente auf dem USB-Stick gesichert, mit froher Erwartung in die Zukunft. Oder so ähnlich. Jedenfalls sind einige denkbar unglücklich Dinge zusammengekommen: alle meine bisher verfassten Bewerbungen, Lebensläufe, eingescannte Zeugnisse, Layouts und so weiter sind weg. Weder gesichert noch sonst irgendwo. Ein paar wenige habe ich über Email gesendet- die sind da. Dennoch. Da steckte viel, viel Arbeit drin und ich nehme die geschriebenen Bewerbungen als Vorlagen, zur Inspiration und zum Nachvollziehen, wo ich mich mit welchen Worten beworben hatte. Zudem habe ich einige Möglichkeiten nicht mehr. Zum Beispiel wird es schwierig, die nötigen Unterlagen wieder einzuscannen.

Und dann.. dann lädt Windows ständig Updates und der Computer wird laaaaahm. Das habe ich erstmal abgeschaltet.

Dummerweise lässt sich der Laptop noch immer nur durch Tricks starten und die Angst bleibt, dass er ganz aus bleibt. Heutzutage ist jegliches Stellengesuche und Bewerben ohne einen Computer nahezu unmöglich.

Scheiße.

Symphonee’s Weekly.

_Gesehen_  DschungelCamp / ShoppingQueen / Reportagen über andere Länder (um das TrashTV-Niveau mal anzuheben) / witzige indische Bauchtanzvideos

_Gehört_  Radiomucke / Panjabi MC

_Getan_ die Übersetzung ist fertig! / Mailfreundin in England gefunden / zwei lange Spaziergänge in klirrender Kälte / Fahrradgefahren auf Schnee und Eis / Fahrradschloss und dazugehörigen Schlüssel minutenlang warmhauchen müssen / einen Artikel für die Schulzeitung meines Liebsten geschrieben / um Laptop gebangt / Pilates und Yoga bei Youtube (das soll zur Gewohnheit werden) und megamäßig krassen Bauchmuskelkater davon bekommen

_Gelesen_ „The third twin“ von Ken Follett begonnen / Spiegel / Twittertimelines / Blogs / Jobangebote

_Gegessen_ einen superleckeren selbstgebackenen Kuchen (ja, ich kann auch erfolgreich backen) / Zuckerschmand (aus Mangel an Süßem ausgedacht) / Hühnchen mit Reis / Freitagspizza / chinesisch angehauchte Nudelpfanne / viele gleiche Frühstücke / Schokoeis / Nudeln mit Spinatsoße / Spiegelei auf Toast

_Getrunken_ Heiße Schokolade / Kaffee / Wasser / Cola / Salbeitee / geschenkten Berentzen mit Apfel (gewöhnungsbedürftig)

_Gefreut_ über ein herrliches Telefonat mit meiner Anerkennungsjahranleiterin / über meine beste Gitarrenfreundin und dass wir uns wöchentlich sehen und miteinander quatschen und lachen können / über neue Ideen und Lebensmut / über den (hoffentlich nicht nur vorerst) geretteten Laptop / über Ostersüßigkeiten im Lebensmittelladen, denn jetzt wo Weihnachten vorbei ist, steht ja Ostern vor der Tür und damit endlich wieder Löffeleier

_Gelacht_ über Fernsehsituationen / mit meiner besten Gitarrenfreundin / mit dem Liebsten / über meinen Liebsten, der gern mal in Elektronikläden gegen neunjährige Jungs an der Playstation spielt (und das regelmäßig)

_Geplant_ Essen

_Gekauft_ Lebensmittel / Lottoschein / zwei Lockenwickler / erstes Narzissensträußchen

_ Geärgert _ über Jobmäßiges Schweigen / über einen eingeklemmten Nerv im Brustkorb-Nacken-Schulterbereich / über den einzigen Laptop und essentielle Arbeitsgrundlage, der nicht mehr hochgefahren werden wollte

_ Gewünscht_ Frühling / dass ich meinen Crosstrainer nicht verkauft hätte

Mal so bemerkt.

Romane in englischer Sprache haben für meine Augen zuviel auf dem Cover stehen, bei gleichzeitig ziemlich undefinierten Bildern und Farben oben drauf. Und wenn ein Bild aufgemalt ist, dann wirkt es so wie die Schrift innen drin: gedrängt, eng, wenig einladend zum Lesen.

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Schlimmer ist für mich momentan nur russische Literatur von außen betrachtet: es sieht für mich aus, als hätte jemand ein Holzhackmassaker veranstaltet. Kantig, klobig, unübersichtlich. Die Buchdeckel sind meinen Augen kitschig und angestaubt.

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Im Übrigen steht da „Viking:Fabio“. Noch so ein witziger Aspekt an der russischen Sprache: wenn anderssprachige Namen in kyrillischen Buchstaben geschrieben werden, dann wird „White“ zu „Uait“.

Entweder sind die Geschmäcker zu verschieden oder wir haben in unseren deutschen Bücherregalen das stehen, was in den besagten Ländern vor Jahren stand? Ich finde, es besteht dringende Notwendigkeit, das vor Ort zu überprüfen. Irgendwann.

Winterkinder.

Im Kindergarten (damals hieß das noch so) habe ich, kurz nachdem wir in Deutschland angekommen waren, eine Kassette bekommen, die ich inniglich liebte. Im Nachhinein weiß ich sogar, dass Rolf Zuckowski plus Kinderchor derjenige war, den man darauf hörte, aber damals war er weder mir noch meiner Familie ein Begriff. Bis jetzt gibt mir das Lied ein gespanntes und freudiges Gefühl in Bezug auf den Winter, obwohl ich mich eher als Sommer- denn als Winterkind bezeichnen würde. Aber Schnee bildet die Ausnahme.

Gestern lief ich zwei Stunden durch den Schnee, sehr warm eingepackt und dennoch nach einiger Zeit frierend. Sich mit der Kälte zu konfrontieren, bringt den besten Erfolg im Kälteaushaltenkönnen.

Wieder mal etwas gelernt.

Nach Vorstellungsgesprächen bekommt man häufig eine Art Versprechen, wann sich gemeldet wird.

Liebe Vorstellungsgesprächhalter, hiermit appeliere ich an Sie, dass Sie gnädigerweise größere Zeiträume versprechen, um bei längerem Nichtantworten nicht den heilgen Zorn aller Gesprächsteilnehmer auf sich zu ziehen. 

Die Versprechen werden nämlich nie meistens nicht gehalten. Nachdem ich zweimal nie (!) wieder von der potentiellen Arbeitsstelle gehört hatte und zeitnah auch niemanden mehr erreichte, so dass ein soviel späteres Nachfragen fast etwas Erniedrigendes gehabt hätte, entschied ich mich zur Flucht nach vorn.

Sie melden sich bis spätestens Montag? Nun, dann rufe ich Dienstagmorgen bei Ihnen an.

Eben getan, mit einem für mich aufschlussreichen Gespräch darüber, wie ich denn das Gespräch gefunden habe. Ich muss zugeben, dass die Ordnung der Antwort auf eine solch unvermutet gestellte Frage sich bei mir in Maßen hält, ich habe stets ein Erklärungschaos im Kopf (kann man sowas üben?), aber ich war froh über die Chance. Denn angeblich werde sich erst heute zusammengesetzt, um eine Entscheidung zu treffen.

Hiermit verordne ich Daumen drücken an alle, denen mein Jobwohl am Herzen liegt!

Luxus.

Eine Freundin erzählte mir jüngst von einer jungen Frau, die ein volles Studium absolvierte, mit Nebenjobs und dementsprechendem Stress, um sich anschließend jahrelang in einer Führungsposition mit viel Verantwortung und wenig Freizeit wiederzufinden. In dieser Tretmühle hatte sie einige Jahre ausgehalten, um bald zu merken, dass es so nicht mehr weitergehe. Kurzerhand kündigte sie den Job, setzte mit „nichts“ auf Gomera über und begann dort eine Karriere als Tellerwäscherin. Fünf Stunden am Tag Tellerwaschen, um Kost und Logis zu bekommen. Den Rest der Tage hält sie sich am Strand auf. Oder so.

Diese Geschichte weckt ungeahnte Aggressionen in mir. Nein, nicht weil diese Frau ihr Glück gefunden zu haben scheint. Sondern weil solche Geschichten oftmals als erstrebenswert angesehen werden. Aussteigen und frei von allem zu sein. Und so schwer sei es doch gar nicht, wird zwar nicht ausgesprochen, aber doch impliziert.

Nein?

Aussteigen zu können ist eine Art von Luxus. Man muss vorher irgendwo „drin“ gewesen sein, um aussteigen zu können. Man muss eine Sättigungsgrenze erreicht haben, um nicht mehr Teil sein zu wollen. Man braucht zumindest das nötige Kleingeld für den Flug, das auch vorhanden sein sollte. Da fängt es schon an. Materielle Möglichkeiten und Teilhabe – die meisten Menschen müssen zuviel davon geschmeckt haben, um aussteigen zu wollen. Oder sie fliehen- vor schlechten Erfahrungen, vor dunklen Schatten. Doch dieses wird selten strahlend golden dargestellt.

Ich zweifelte das Ideale an der Geschichte an. Womöglich, weil ich noch zu wenig von dem geschmeckt habe, was diese junge Frau tagein tagaus irgendwann als „normal“ erachtet hat. Ja, ich habe materielle Wünsche, die ich mir hart erarbeiten werde, wenn man mich denn auch mal am Arbeitsmarkt und somit am gesellschaftlichen Leben teilhaben lässt.

Möglicherweise macht genau das mich noch ein Stück wütender: ich will (nur teilweise), was diese junge Frau hatte und sie.. sie schmeißt es einfach so weg. Ich bin an diesem Punkt definitiv noch nicht angelangt. Aber ich respektiere ihre Entscheidung in jedem Fall, kann sie auch ansatzweise nachvollziehen. Jedoch keineswegs emotional. Vor allem im Moment.

„Wovor hast du Angst?“ fragte meine Freundin mich. Wenn man es versuche, komme man doch danach nur wieder an den Ausgangspunkt zurück. Nun, liebe Freundin, da wäre ich mir ja gar nicht so sicher. Mein Ausgangspunkt ist nicht mit Kaviar gebettet, aber ich habe einen Platz zum Leben mit dem Mann, den ich liebe und leide nie Hunger, habe genügend anzuziehen, Internetzugang und Telefon, ein Fahrrad und Heizung. (An den restlichen Dingen lässt sich noch feilen, aber das spielt hierfür keine Rolle). Wenn ich gehe, muss ich meine Wohnung aufgeben. „Was kostet es denn schon eine Wohnung zu erhalten?“ antwortet sie. „Oder man kann die Sachen irgendwo unterstellen. Man hat doch sowieso viel zu viel.“ Ich gebe es auf. Es gibt keine gemeinsame Basis, auf der wir wie auch immer diskutieren könnten. Unsere Lebensvoraussetzungen gehen zu weit auseinander.

Ich bleibe dabei: auszusteigen, zu rebellieren, sich etwas einzufordern (wenn man zuviel Grundsätzliches zu verlieren hat, was man sich sowieso schon zusammen“gestückelt“ hat) kann ein zu hohes Luxusgut sein.

 

Symphonee’s Weekly.

Inzwischen freue ich mich tierisch auf den Wochenrückblick, kann es kaum erwarten, immer wieder überrascht zu werden. Obwohl mein Leben statisch und unbeweglich zu sein scheint, geschehen kleine Dinge, man geht Minischritte und hat viel, wofür man dankbar sein kann.

_Gesehen_  Asterix und Obelix – Mission Kleopatra / diverse Talkrunden / Trash-TV / The Good Wife

_Gehört_  Raaadio (bis zur Übelkeit)

_Getan_ translations / Pilates / spazieren gegangen, um mal Licht und frisch Luft zu bekommen und leider zu schnell wieder nach Hause gewollt, weil es zu kalt war / eingekauft (mit dem Rad im Schnee geht nicht so viel mit), so dass man mich in den den Lebensmittelgeschäften persönlich kennt und hoffentlich Überwachungsvideos nicht zu genau anschaut / gekocht / Gitarre beigebracht / Vorstellungsgespräch gehabt / angefangen, Lockenwickler für voluminöses Haar zu nutzen- mit durchschlagendem Erfolg / Ministerpräsident gewählt

_Gelesen_ „The other site of the story“ erfolgreich beendet / „Die Herrenausstatterin“ von Mariana Leky begonnen / Blogs, Blogs, Blogs / Milchwirtschaftliches

_Gegessen_ Kartoffelpüree / Champignons / Camembert / Freitags-Pizza / Spaghetti mit Thunfisch-Paprika-Soße / Apfelstrudel mit Vanilleeis / Reis mit Gemüse und Resten

_Getrunken_ Heiße Schokolade mit Vanilleeis / Kaffee / Wasser / Cola / Salbeitee

_Gefreut_ über die Einladung zum Vorstellungsgespräch / Schnee statt Regen / Zeit mit dem Liebsten (denn die ist kostbar selten)

_Gelacht_ über Fernsehsituationen / mit meiner besten Gitarrenfreundin / über mein Buch

_Geplant_ Speisen / einen Kuchen (ohne konkretes Rezept, da ich nur Reste verbacke und leider aufgrund wenig Backerfahrung mit größter Spannung und Angst auf das Ergebnis warte – wäre schade um die „Reste“) / eine Zukunft mit Job, deshalb ständiges Jobgesuche

_Gekauft_ Lebensmittel / Kontaktlinsen / Tageszeitung

_ Geärgert _ über nicht erhaltene Antworten / über so manch ungerechte Voraussetzung

_ Gewünscht_ mehr Freizeitmöglichkeiten / weniger Selbstzweifel / Berufserfahrung / mindestens ein Wunder

BilderderletztenJahre 306

Nö.

Meine freundschaftliche Nachbarin rief eben an. Ich teile spaßige Momente ebenso mit ihr wie ernste Gespräche und ab und an wuppen wir was zusammen.

Und dann ruft sie heute an und rückt nach und nach mit einer etwas skurillen Bitte raus. Ob ich wohl die Englischhausaufgaben ihrer 18-jährigen Tochter machen könne, da sie eine WG-Besichtigung habe. Ich könne doch so gut Englisch.

Für mich war klar: ich schaue mir gern an, was sie geschrieben hat, aber die Aufgabe (eine Inhaltsangabe) an ihrer Stelle zu machen, nein, da habe ich einfach gar keine Lust dazu. Ich solle nicht so pädagogisch sein, meinte meine Nachbarin. Pädagogisch? Nein. Ich hätte einfach keine Lust, mich hinzusetzen und Hausaufgaben für andere zu machen. Meine Zeit der Hausaufgaben sei vorbei. Das sagte ich alles genau so. Sie konnte nicht glauben, dass ich das ernst meine. Aber wieso eigentlich nicht? Nein sagen ist erlaubt.

Der Text sei so schwierig, sie verstehe ihn nicht. Da muss sie nun mal durch, sagte ich hart.

Neben dem Stolz darauf, dass ich nein gesagt habe, nagt eine leichte Irritation an mir. Bin ich jetzt ein Freundschaftsschwein?

Nö. Und ich lerne, meine eigene Meinung und Grenzen zu vertreten.