Zwischen Eintönigkeit und Spannung.

Jaa, jubelt es in mir, Jonschik schläft. Was darf ich die nächsten drei Stunden anstellen? Drei ganze Stunden daheim, das klingt paradiesisch. Da wäre die Küche aufzuräumen, die Wäsche zu machen, die eigene zu groß gewordene Kleidung zu sortieren und bei Kleiderkreisel einzustellen (ich brauche dringend Hosen, die mir nicht über den entschwundenen Hintern rutschen) und ganz wichtig: die über 90 Quadratmeter große Wohnung zu saugen und zu wischen. Sonst tut das nämlich unser Ganzkörperwischer Jonschik und wirklich lecker schaut der am Ende dann auch nicht aus. Besonders schön: harte, versehentlich in die Ecke getretene Brotstückchen als Nachtisch direkt vom Boden zu verspeisen, nachdem das liebevoll zubereitete Frühstück komplett verweigert wurde. Nein, Moment. Zuerst hieß es „da da da“, Jonschik möchte Wurst, möchte Brot, möchte Apfel, möchte das halbe Wildschwein, um sofort mit Erhalt des begehrten Objekts dieses mit einem triumphierenden Blick Richtung Papa auf den Boden zu pfeffern. Gemeinsames Essen am Familientisch war auch schonmal spaßiger. Aber es gehört nunmal so einiges zu der Entwicklung eines Kindes, das nur halb so schön ist, wie die Windelwerbung es einem weismachen möchte. Nur halb.

Denn die andere Hälfte schaut so aus: plötzlich sagt der Windelpupser Mama und Tata und Lalala, er krabbelt und begreift immer mehr und das Elternherz geht vor Stolz auf und alles Hinpfeffern, Nicht-schlafen-lassen und Weinen-weil-Entwicklungsschub-und-Baby-möchte-nur-getragen-werden-und-zwar-von-der-Mama-höchstpersönlich-aber-nicht-mehr-in-der-Trage, jede ausgelaufene Windel und der daneben doch auch eintönige Alltag ist kurz vergessen. Tausend Mal von diesem Phänomen gehört, ja, aber gefühlt ist es eine Explosion verschiedenster Gefühle. Erschöpfung, Freude, Stolz, Verwirrung, Ahnungslosigkeit, Freude, Verwunderung, Überraschung und Enttäuschung, wenn das Kind viel zu früh wieder aus dem Nacht- oder Mittagsschlaf erwacht. Und was hat die Mama gemacht? Kurz das stille Örtchen aufgesucht, nach der Post geschaut, begonnen, das Essen zu kochen und zack, wach ist er.

Denn eigentlich wurde das sehr praktisch erdacht: die Schläfchen von Babies und Kindern sind zum Auftanken oder Sachenerledigen gemacht. Wenn mir nun jemand noch kurz verraten könnte, wie ich das Mamagedankenkarussel und den Haushaltsroboter in mir abschalten kann? Das wäre äußerst freundlich. In diesem Sinne bis zum nächsten Mal, denn da bin ich wohl schon wieder in Lohn und Brot, das Kind in der Krippe und der Mann gewöhnt es dort ein. Das wäre in vier Wochen. Bis dahin wird der Stillfixierte Sohn abgestillt, er schläft durch und wacht nicht alle anderthalb bis zwei Stunden auf, kann laufen und sprechen. Und bevor sich hier jemand der zahlreichen Leserinnen aufregt: das Kind ist inzwischen ein Jahr alt und wird diese Dinge alle sicher NICHT bis dahin lernen. Wooobei: vielleicht stillt er sich bis dahin selbst ab. Ha ha ha.

 

Friseurbesuch.

Ein großer Graben liegt zwischen der Zeit danach und der Zeit bis dahin. Wieviel Zeit genau dazwischen liegt, lässt sich nur erahnen. Babies kommen, dann wann sie wollen oder wann der Körper der Mutter es möchte oder wenn Vollmond ist. Aber sie kommen immer irgendwann. Die Kunst, den perfekten Zeitpunkt für den letzten Kino-, Frühstückdate zu zweit oder Friseurbesuch zu finden, beherrsche ich wohl. Schließlich habe ich die eben genannten Dinge schon geschafft, ohne dass ich mittendrin Mutter geworden wäre.

Zudem habe ich einem Friseur scheinbar einen Sinn für einen einsamen Abend geschenkt, ohne dass dies beabsichtigt gewesen wäre. Den neuen schwangeren Lebensabschnitt feierte ich mit einem Longbob, der mir außerordentlich gut steht. Er erfordert zwar auch mehr Arbeitsschritte, aber wenn das Baby da ist, habe ich ja massig Zeit (Ironie off).

Ich betrat relativ spontan um 19 Uhr den Friseurladen, bei dem es keine Termine zu vergeben gibt und wurde von einem männlichen Friseur begrüßt. Verloren stand er in dem Laden, kein anderer bei ihm und auch kein einziger Kunde weit und breit zu sehen. Die Chancen auf einen dringend benötigten Schnitt und Ansatztönung erhöhten sich rapide. Graue Haare am Ansatz können vielleicht noch gerade ertragen werden, aber da ich aktuell keine Schuhe mit Absatz trage und niedliche 1,58 m groß bin, begegnet es mir immer wieder, dass die Blicke größerer Gesprächspartner an den grauen Haaren hängen bleiben. Und ich bin eitel. Die Eitelkeit habe ich zwei Monate lang überwunden. Aber genug ist genug und wenn Baby erst einmal da ist, gibt es erstmal sicher keine entspannten Friseurbesuche mehr zum Ansatztönen.

Auf meine Frage, ob schneiden und tönen zeitlich drin wäre, antwortete der einsame Friseur erfreut „Aber ja!“ und machte sich sofort ans Werk.

Und er wusch, schnitt und schnitt und schnitt und schnitt, mischte die Farbe, tönte sorgfältig, wusch und pflegte und schnitt wieder. Eher wortkarg, was ich bei einem Friseur oft schätze, gab er sich seiner Arbeit hin. Die ersten anderthalb Stunden fand ich es noch entspannend, auch wenn es mich leicht beunruhigte, dass er Überstunden in Kauf zu nehmen schien. Aber da der Friseur schon erwachsen und somit groß zu sein schien, schob ich die Bedenken zur Seite. Was sollte ich auch tun? Mit halbem Schnitt nach Hause gehen? Die Tönung selbst in die Hand nehmen? Dann sprach ich ihn nach einem Blick auf mein Handy darauf an, dass er ja scheinbar länger arbeitete als er müsste. Schließlich hatte er inzwischen über eine Stunde Arbeitszeit drangehängt. Der Friseur murmelte etwas davon, dass er keine Familie habe, die auf ihn daheim warte und man müsse sich halt auch nach den Kunden richten. Ähmja. Okay, wenn ich mit meinen bescheidenen Haaren seinem Leben ein Stück mehr Sinn geben konnte – bitteschön, gern geschehen. Als das Werk dann vorzeigbar war, wurde er leicht nervös. Ja, ich hatte meinen Schnitt, wohlbemerkt einen Longbob, nachschneiden lassen wollen. Das, was sich auf meinem Kopf präsentierte, war ein klarer kurzer Bob. Da dieser mir wirklich gut stand und ich innerlich froh war, dass jemand mir endlich mal die Entscheidung für einen Kurzhaarschnitt abgenommen hat, war aus meiner Sicht alles gut. Der Friseur wollte den Schnitt aber nun perfekt haben und schnitzte, rasierte, schnibbelte und es wollte gar kein Ende mehr nehmen. Nach drei Anläufen, ihm klar zu machen, dass ich wirklich zufrieden bin, sagte ich resolut: okay, es ist halb zehn, ich muss nun gehen. Danke und auf Wiedersehen.

Vor so viel Entschiedenheit musste sogar der Perfektionist in dem Friseur in Ehrfucht erstarren und er ließ mich ziehen.

Und nun laufe ich mit einem wirklich perfekt geschnittenen Bob durch die Weltgeschichte und sammele Komplimente (auch von meinem Liebsten, den mein anmutiger nun sichtbarer Nacken sehr entzückt) ein. Das gefällt mir. Sobald das Baby da ist, wird dieser Bob mich über so manchen Frisurengpass retten. Ganz bestimmt.

Sommergefühle.

Summer

 

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Sehnsüchtig blicke ich dem Sommer hinterher, ungetröstet ob der Tatsache, dass in einigen oder vielen Monaten der nächste wieder vor der Tür stehen wird. Helle Tage, warme Winde, die meine braungebrannte Haut streicheln, frische Luft und Blätterrauschen wechseln sich im meiner Erinnerung. Die Nachbarin aus dem Haus die Straße runter, die mit herrlich französischem Akzent zu einem Aperitif einlädt, weil man ihr und den Kindern beim Kofferheimrollen geholfen hat. Musik unter freiem Himmel und das mitreißende Gefühl, wenn etwas einem ins Herz spricht. Zart beginnende Morgen und Fahrradwege zur Arbeit bis das Fahrrad vom Liebsten repariert wurde und von da an die Gangschaltung freies Fahren unmöglich machte. Das verlängerte Wochenende in Leipzig voll Sonne, marschierter Kilometer, die eine beste Freundin, die nun auch dreißig geworden ist und das gebührend feierte. Ein Balkon zum Grillen, Pflanzen und Ernten. Tomaten vom Balkon, die den Mund mit würziger Süße füllen und eine feste Schale präsentieren. Unglaubliche Hitze, die am neu entdeckten Freibadsee am besten zu ertragen war und anschließend eine große Ofenkartoffel mit Kräuterquark und ein Radler dazu. Tante werde und das Wunder des Lebens betrachten, was unmittelbar den Kinderwunsch schürt und Erinnerungen weckt, die vor einem Jahr den Sommer beschlossen. Versuche, im Hier und Jetzt zu leben, weniger im Damals und in dem, was noch kommen mag. Ein später, aber erfüllter Sommer, immernoch und hoffentlich für immer mit meinem Liebsten.

Kinder, Kinder.

Es werden ständig Kinder geboren. Sie erblicken reihenweise das Licht der Welt und inzwischen werden zunehmends mehr Menschen in meinem Umfeld Eltern. Es rückt näher. Hautnah. Besonders, wenn die eigene Schwester schnwanger ist und ihr Bauch  zu einer niedlichen prallen Kugel wächst. Hautnah erlebe ich die Verwandlung einer jungen Frau zu einer werdenden Mutter. Die schönen und die anstrengenden Seiten. Geschwollene Beine voller Wasser bei Sommerwetter, erste Klopfzeichen an die Außenwelt, Sorgen und Freude nah beieinander. Ich glaube, das ist ein Merkmal für das Elternsein. Die Verantwortung neben der Unfassbarkeit der Tatsache: zwei Menschen haben sich vereint, um einen hervorzubringen, der eine Mischung ist und doch wieder jemand ganz Neues. Gänsehautfeeling.

Als mich am Dienstagabend die Nachricht ereilte, dass ihre Fruchtblase geplatzt sei, wurde mir kribbelig zu Mute. Man kann in diesen Augenblicken (..Stunden und Tagen..) nur warten und hoffen. Zweiundhalb Stunden später war er da (wirklich rasend schnell für die erste Geburt!). Mein erster kleiner, süßer, rotgesichtige Neffe. Herzig. Und ich durfte beobachten, wie meine Schwester vor meinen Augen zu einer Mutter wurde. Manchmal noch ein wenig unbeholfen, aber doch wieder so selbstverständlich. Die Eltern sind nun nie mehr zu zweit, sondern zu dritt oder zu viert oder zu fünft oder… Das erste Kind in unserer Familie ist da. Herzlich willkommen!

Ja, der große Zuwachs hat begonnen: es gibt zwei weitere Schwangerschaften. Und nein, ich bin nicht unter den Glücklichen, mein Kind ist erst einmal die Karriere. Oder das Fundament einer Karriere. Schließlich werde ich dieses Jahr schon dreißig und irgendwas war da, vonwegen Großfamilie und Haus voller Kinder und Lachen und Garten und all die Wünsche, die einem manchmal erstrebenswert vorkommen. Dafür sollte man aber erstmal beginnen.

Auf all die Kinder, die noch in diese Welt hineingeboren werden. Mögen sie es gut haben.

Die verlorene Bloggerseele.

Einst schrieb ich regelmäßig in ein Hardcoverbuch mit Blümchen, in blau oder gemustert, ganz schnöde mit einem Kuli oder Füller. Es gab mehr oder weniger zu erzählen, aber das war auch egal, denn ich war die einzige Leserin meines Geschreibsels. Und dann kam das Internet in mein Leben und ich eröffnete 2004 meinen ersten Blog unter meinem echten Namen, mit Bildern und sehr persönlich, aber niemals ein Ersatz zu den Gedanken, die ich in der Abgeschiedenheit für meine eigenen Augen festhielt. Ich gehörte also mit zu der ersten Bloggergeneration, möchte ich mal behaupten.

Nach dem Internet kam mein Liebster in mein Leben, der meinen Blog erst einmal sehr hoch lobte und sogar seinen Freunden davon erzählte. Es wurde zu einem Wesen, das Neuigkeiten und Erlebnisse erzählte und wenn die Person dahinter sie erzählen wollte, wusste die halbe Menschheit schon längst davon. Mein Blog gedieh und wuchterte irgendwann vor sich hin. Wo war nur die Grenze zwischen realem und virtuellem Leben geblieben? Einige Jahre später kamen auch Zweifel vonseiten meines Liebsten, dass er doch auch nicht mehr so gern im Internet unter seinem echten Namen erscheinen würde. Dann kam ein verschmähter Verehrer dazu, der begann, mich über den Blog zu „stalken“ und mir wurde vollends das Ausmaß eines öffentlichen Internetlebens klar.  Zu spät – einmal losglassen, bleibt nur noch das Löschen, um etwas für die große breite Masse unsichtbar zu machen. Sehr schweren Herzens löschte ich mein Baby in seiner Gesamtheit (und bereue bis heute bitterlich, dass ich noch nicht einmal Teile davon für mich gespeichtert habe – wobei die bei den vielen Festplattencrashs sicher inzwischen ebenfalls verlorengegangen wären).

Das Tagebuchschreiben auf Papier ist gestorben, Tagebuchschreiben auf Wordpapier ohne dass es jemand liest, ist mir leider inzwischen zu wenig und meine Bloggerseele hat eine Blockade, der ich nicht auf den Grund gehen kann. Aber das Schreiben fehlt mir. Wenn der Drang danach zu stark wird, setze ich mich nieder, öffne den Unterpunkt „neuen Artikel erstellen“ und beginne im besten Falle gleich zu schreiben. Dann lese ich die ersten Sätze und frage mich unweigerlich, ob ich melancholisch bin. Ja, die melancholische Seite gehört zu mir, aber im Alltag kommt sie doch selten zu Tage. Wer mich kennenlernt, meint eine Optimistin und ungetrübte Gute-Laune-Seele zu treffen. Die ist auch zu großen Teilen vorhanden, aber das Melancholische ist verborgen da und kommt scheinbar nur beim Schreiben heraus. Das gefällt mir nicht, denn eigentlich möchte ich auch sagen „Hallo Leute, mir geht es hervorragend. Das Leben läuft und bietet mir nur ab und an einen vermeintlichen Stolperstein. Ich bin zufrieden- meistens- und wenn ich was habe, arbeite ich daran und kümmere mich darum. Ja, ich habe mich selbst im Großen und Ganzen endlich gefunden. Super! Toll! Jippieh. Schaut euch mein spannendes Leben an- hier sind die Bilder. Juhu.“ . Doch dann fließen pathetisch klingende Sätze, abgeklärte Phrasen und melancholische Spitzen aus mir heraus. Ich stehe am Scheideweg: akzeptieren und diese ganze Bloggergeschichte aufgeben oder das, was aus mir herauskommt, aufschreiben und der halben Menschheit präsentieren (Hallo, meine paar treuen Leserinnen!)?

Ich habe mich nicht entschieden. Und hoffe immernoch, meine verloren geglaubte Bloggerseele an der nächsten Straßenecke wiederzutreffen und sie herzlich in meine Arme schließen zu können. Bis dahin verspreche ich nichts und verliere die letzten paar Leserinnen. So ist das Leben.

Empfindlichkeiten.

Unser Freund ernährt sich seit acht Monaten vegan. Keine Milch, Butter, Eier, Frischkäse und natürlich kein Fleisch mehr. Gut, ein bisschen Umdenken beim Kochen ist okay und absolut machbar für mich. Und er bringt immer viel mit, was er essen könnte. Trotzdem schwingt immer, ohne dass er predigen würde, ein Vorwurf mit. Ich esse besser als ihr. Womöglich bilde ich es mir auch ein. Ganz bestimmt bilde ich mir das ein. Dennoch fühlte ich mich in diesem zarten Empfinden sehr bestätigt, nachdem er anfing, meinen Körperumfang anzusprechen.

Wir sitzen zu fünft beisammen- seit vier Tagen haben wir Besuch von drei jungen Männern, die in unserem Durchgangszimmer schlafen und dementsprechend groß ist inzwischen mein Wunsch nach dem Alleinsein. Nervige Angewohnheiten stechen zusehends mehr hervor und werden zu Bergen, wenn man viel Zeit miteinander verbringen muss.

Dieser Freund sitzt nach dem Essen am Tisch und sagt: „Vor anderthalb Jahren habe ich euch besucht, da hattet ihr total abgenommen.“. Ja, sage ich, wir hätten uns abends Kohlenhydratfrei ernährt. Das sei aber eingeschlafen, weil es durch einen Jobwechsel meinerseits herausfordernder geworden sei, abends ohne Kohlenhydrate zu kochen und den späten und langen Heimweg ohne etwas zu essen zu überstehen. Dass es meistens Brötchen, Brot oder anderes Gebäck gewesen sei, habe etwas mit der Verfügbarkeit von Lebensmitteln auf dem Weg und Bequemlichkeit zu tun gehabt. Ich erkläre und entschuldige mich inzwischen für etwas, das ihn überhaupt nichts angeht. Mein Liebster allerdings sei sehr im Stress und da würde er zunehmen (aber ihn verletzt es auch nicht, wenn jemand zu ihm sagt, er habe zugenommen). Er bohrt weiter nach und bringt dann den krönenden Abschlussatz: „Und als ich euch dann wieder besucht habe, hattet ihr beide ganz schön zugenommen.“. Erstmal nur eine Feststellung. Und doch eine Sache, die man mir gegenüber nicht erwähnen darf. Ich ziehe mich aus dem aufgezwungenen Gespräch zurück, endlich merkt er das auch und fragt leicht verunsichert: „Das darf man doch sagen, oder? Vielleicht hat der Andere das nicht gemerkt und man macht ihn darauf aufmerksam? Oder was meinst du, Symphonee?“ Ich antworte, dass jeder normale Mensch merkt, wenn er zugenommen hat und es nicht gesagt bekommen möchte, stehe auf und gehe weg.

Ich bin ehrlich verletzt und weiß selbst, dass es kaum einen Grund gibt, es zu sein. Ja, ich habe einige Kilogramm zugenommen und ich weiß das ganz genau. Ich fühle mich nicht gerade wohler als zuvor, aber ich sehe normal aus, leide nicht unter Adipositas und habe nur wenig Übergewicht. Und auch wenn dies alles zutreffen würde, müsste man mir das doch nicht sagen, oder? Ich fühle mich als „schlechtere Frau“ und hässlich, nur weil ich zugenommen habe? Was stimmt nicht mit mir? Und wieso geht es vielen Frauen so?

Bis jetzt bohrt in mir das, was er ausgesprochen und ich schon länger gedacht und gewusst habe. Mag sein, dass ich nicht ganz so im Einklang mit mir selbst bin, wie ich vorgebe, zu sein. Mein Liebster sagt immer wieder, dass der Schlüssel darin liegt, sich selbst zu lieben und zwar so wie man ist. Wenn das denn so leicht wäre..

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Wolkenschaufelei.

Die Kriminalromane von Fred Vargas sind  angefüllt mit skurillen Charakteren und unglaublichen Wortschöpfungen. Gleichzeitig durchzogen von der Akzeptanz gegenüber menschlicher Andersartigkeit und Besonderheit – wie passend hierbei, dass sich sonderbare Menschen in Paris scheinbar häufen.

Als ich vor einigen Tagen die Frage gestellt bekam, wie ich fachliche Entscheidungen treffen würde, hätte ich aus jedem Vargas-Buch zitieren können, denn der Kommisar Adamsberg gilt als Wolkenschaufler. Bei seinen Gedankenvorgängen meint man, auf einem schwankenden Schiff zu stehen und wenn es sich auf die eine Seite neigt, rutscht ein Fragment herunter und wenn es sich zurücklegt, taucht wieder ein anderes Stück aus dem Ganzen auf. Und mit einem Mal steigt eine Lösung, ein Zusammenhang wie die Morgensonne aus dem Horizont herauf.

„Adamsberg dagegen war für jeden Windhauch offen, wie eine Bretterbude, ein Hirn in freier Luft, dachte Danglard. Stimmt, man hätte glauben können, dass alles, was durch die Ohren, Augen oder Nase in ihn Eingang fand, Rauch, Farbe, Papierrascheln, wie ein Luftzug durch seine Gedanken strich und sie daran hinderte, Gestalt anzunehmen.“*

Feste Gedanken bis zum Ende zu verfolgen, fällt mir nicht leicht, aber sie befinden sich meistens irgendwo im Hintergrund und plötzlich hat der Hintergrund sie zu Ende gedacht, ohne dass ich ihn dazu hätte auffordern müssen.

Wenn man mich erzählen lässt, beginne ich bei Z, um zwischendurch beim Ö zu landen und dann ein A mit einem B zu verknüpfen. Manchmal sehe ich, wie der Zuhörer meinen Gedankensprüngen hinterherhechelt und versuche auf meine innere Bremse zu treten. Zuweilen gelingt mir dies auch.

Leider leidet darunter auch mein Lernvermögen, etwas genau zu verinnerlichen. Stattdessen verknüpfen sich halbe Wissensenden mit Worten und wenn ich das Wort „Wolke“ höre, denke ich an die Zeit, als ich die neunte Klasse besucht und morgens immer ein Erdkundelehrbuch in den Garten nahm, um die Wolkenformationen auf eine Wettervorhersage festzulegen. Trotz der Regelmäßigkeit meiner sommerlichen Wetterbeobachtung habe ich mir keine einzige Regel bis heute merken können.

Deshalb lese ich Vargas gern. Und weil ich für mehr Menschen mit Besonderheiten bin.

[„Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“ von Fred Vargas, S.61/62]

Symphonee’s weekly #8

_Gesehen_  Auf den Spuren der Nomaden“ – eine sehr authentisch und ehrlich erzählte Abenteuerreise / ein bisschen „Hulk“, ein bisschen „Bad Boys II“ – ich habe gerade eindeutig kaum Geduld, ganze Filme vom Anfang bis zum Ende zu sehen / beeindruckender Teil über Stadtgewächshäuser in der Samstagsdokumentation bei vox / Big Bang Theory zum Gesunden

_Gehört_  EnJoy und Hit Radio Antenne

_Getan_ Haare gefärbt (mag ich nicht, aber habe damit nun mal wegen beginnender Ergrauung angefangen) / einen Familiengeburtstag gefeiert / geruht / spazieren gegangen / viel israelischen süßen Wein bestellt / Frühlingsdeko gebastelt

_Gelesen_   „Der verbotene Ort“ von Fred Vargas begonnen – ich liebe diese skurillen verschrobenen Charaktere / neue Blogs über Balkongärtnerei

_Gegessen_ Sonnenblumenkernbrot mit Maasdamer und Möhrchen / Chinanudeln mit Hühnchen / Nudeln Bolognaise (einmal echt und einmal mit Tofu) / Restelasagne / Möhren-Tomaten-Salat / Paprikasalat mit Mozzarella / Aladiki / Schuba / Geburtstagstorte

_Gelacht_ auf der Arbeit / über so manchen Harlem Shake

_Geplant_ Süd-Frankreich / Fitness ab April / Balkongarten / Auffrischungen in unserer Wohnung

_Gekauft_ Tropfen gegen verstopfte Nasennebenhöhlen / schöne Jalousie / Pflanzensamen

_ Geärgert _ über Pickelplage auf der Stirn und gleichzeitige trockene Stellen im Gesicht (ebenmäßige Haut, wo bist du hin!?) / über Schnee am 17. März (da dies der Geburtstag einer langjährigen Freundin ist, weiß ich ganz genau, dass es an diesem Datum meistens schön und warm war) / Verzögerungen

_Gefreut_ darüber, dass ich mich besser fühle / Sonnenstrahlen / Sommerpläne / über eine  Zusage zu einer neuen Stelle

_ Gewünscht_ Frühling, Frühling, Sommer / bald mit dem Sport beginnen zu können (die NaNeHöEntzündung sollte schon weg sein) / ein Häuschen mit Garten, in dem ein Haufen unserer Kinder spielen und ich Unmengen an Gemüse und Obst und Kräutern ernte / Temperaturen zum Fahrradfahren

 

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Symphonee’s weekly.

_Gesehen_  The Big Bang Theory / Unser Song für Malmö / Morning Glory / Grey’s Anatomy / The Bachelor

_Gehört_  Radio / Gitarrenprofis / einen coolen song

_Getan_ Finanzamt besucht / beim Friseur einen fescheren Haarschnitt verpasst bekommen / viele Freunde und Bekannte auf meiner neuen Fahrt zur Arbeit getroffen / gelernt, gewundert / mehr und gleichzeitig weniger geschlafen als sonst / geografische Tatsachen wiederholt

_Gelesen_ Spiegel / Konzepte / „Liebeslänglich“ von Susanne Mischke / „Der vierzehnte Stein“ von Fred Vargas angefangen

_Gegessen_ Pommes / frisches Brot / Fischburger mit Kartoffelpüree* / Sauerkraut mit Tofuwürstchen* / Eintopf mit Tofufrikadellen* / Nudeln mit Pute und Orangenstückchen* / Freitagspizza / Nudel Bolognaise / Raffaello-Muffins* / Gemüse-Ei-Pfanne // *auf der Arbeit kocht die Kochgruppe mit der Hauswirtschafterin täglich und es wird anschließend gemeinsam gegessen

_Getrunken_ Fruchtsäfte / Wasser / überdurchschnittlich viel Kaffee / Granatapfel Alkopop / warmen Kakao

_Gefreut_ geplante und ungeplante Treffen mit Freundinnen / letzte freie Tage / Diskutieren und Philosophieren mit Nachbarn / über positive Bemerkungen / Arbeit / über eine weitere Einladung zum Vorstellungsgespräch / einen hochfahrenden Laptop / über frühe Feierabende / viel Gelerntes und verknüpfte Zusammenhänge / über ein Kompliment zu meinem geschmackvollen Kleidungsstil / über meine neue Frisur

_Gelacht_ mit Teilnehmerinnen / über Serien

_Geplant_ Angebote für die Teilnehmerinnen / Shoppingtour für den sechzigsten Geburtstag meines Vaters / erste Ansätze für Urlaube / erfüllte Wochenenden / eventuell Fitnessstudio-Mitgliedschaft

_Gekauft_ einen warmen Sterchenpulli in blau / ein Fledermausoberteil in lila / rosa Hausschuhe / Bügeleisen / viele Briefmarken

_ Geärgert _ über ein plötzlich nicht mehr warm werdendes Bügeleisen und ungebügelte Klamotten, die ich tragen musste / über manche Bemerkung / über fehlende Motivation zum Putzen / über meine Nachbarin, die mir schon zum zweiten Mal das Gefühl gibt, dass etwas nicht stimmt und es abstreitet, wenn ich frage

_ Gewünscht_  einige Kilos weniger / mehr Zeit mit meinem Liebsten / diesen wunderbaren, süßen und tollen kleinen Wohnwagen

Erstes Fazit nach vier Tagen.

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Ein herausragend wertschätzender Mensch kann einen besonders wenig wertschätzenden Menschen überdecken. Das ist das Erste, was ich bei meiner neuen Stelle gelernt habe. Die Wertschätzung in Person arbeitet nicht da, wo ich bin und ich werde von einem Relikt eingearbeitet, das eine Mischung aus schlechter Erfahrung, Angst vor Kontrollverlust und Frauen besteht.* Das heißt nicht, dass der ältere Herr nicht auch gute Seiten hätte, aber meine Erwartungen an das Team aufgrund meines Gesprächs sind doch sehr erschüttert. Das Team besteht noch aus einem eher zurückgezogenen jungen Mann, der freiwillig kaum ein Wort mit mir wechselt, einer mittelalten Dame, die sich nach meiner Ankunft krankgemeldet hat, einer lieben Hauswirtschafterin, die offensichtlich vom Relikt genervt ist und einer Honorarkraft, die selten da ist, aber die ich sympathisch finde. Gruppendynamiken interessieren mich und sind mir in der ersten Zeit inzwischen wichtiger als die Arbeit an sich. Aufgrund einer schlechten Erfahrung versuche ich mich so gut es geht zu schützen, um nie wieder unter die Räder irgendeines geltungssüchtigen Menschen zu kommen.

Mein Gefühl für die anstehende Arbeit ist jedoch ausgesprochen gut. Wertschätzung ist bei der Arbeit mit Menschen, die noch so gut wie nie im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen durften, von enormer Wichtigkeit. Ich habe viele Freiheiten, bin für fünf TeilnehmerInnen zuständig und habe für meine ersten vier Tage vieles schnell übernehmen können. Mein Anerkennungsjahr hat mich gefühlsmäßig weit gebracht. Und als Berufsanfängerin sprühe ich vor Enthusiasmus und Hoffnung. Ich finde, das muss es geben- dafür sind junge Kolleginnen gut.

Nichtsdestotrotz nehme ich weitere Vorstellungsgespräche wahr. Ein Grund dafür ist schon die Befristung, obwohl die sehr wahrscheinlich um eine weitere Befristung verlängert wird. Bildungsträger stellen immer befristet ein. Irgendwie fühlt sich der Bereich für mich nicht wirklich „angekommen“ an. Ich warte jedoch ab, versuche das Eine oder das Andere und gebe sowieso mein Bestes.

* Am ersten Tag erzählte er mir seine langjährige Mobbinggeschichte, die ihn krank und bitter gemacht hat. Das tut mir wirklich im Herzen weh, aber leider hat dieser Mensch meiner Ansicht nach einige destruktive Strukturen übernommen- wenn er sie nicht schon vorher an den Tag gelegt hatte..