Auf gehts.

Wenn beide Partner in einer gemeinsamen Wohnung (hinter den verschlossenen Schranktüren) schludrig und unsortiert sind, hat es den Vorteil, dass man sich einander kaum Schludrigkeit vorwerfen kann (da man es sich dann auch selbst vorwirft). Vor allem, wenn es daran geht, diesen Zustand grundlegend zu ändern. Bitte einmal Daumen drücken, dass wir durchhalten und uns auch vor Shoppingqueenbesuchern beim Rumschnüffeln in unseren Schränken nicht schämen müssten.

 

Naturtalent.

Erste Doppelstunde praktisches Fahren und nur ein einziges Mal Motor-Abwürgen in den letzten fünf Minuten, als ich einfach schon müde war. Es scheint, als wäre ich weder Schisser, noch verkrampft. Ich bin wohl Anfängerin- ja- und sichtlich voll talentiert, was mir zwar noch niemand bescheinigt hat, aber.. ihr wisst ja, die größten Genies werden immer verkannt. IMMER. Harhar.
Ich muss ausruhen.

Ich vermisse Gold.

Der graue Schleier kündigt Novembertage und Erinnerungen an Trauriges an und ich brauche dringend täglich menschliche Kontakt außerhalb meiner eigenen vier Wände, damit meine Stimme und mein Wesen auftauen. Wenn der Tag nicht hell werden möchte, hilft manchmal Kerzenlicht, etwas Warmes zu trinken und manchmal nur das Warten auf die abendliche Dunkelheit, die leichter zu ertragen ist.

Gedanken kommen und gehen, ich kann mich schlecht fokussieren und gezielt denken. Fieberhaft suche ich nach Arbeit, als wäre dies heilsverkündend. Und gleichzeitig frage ich mich, ob ich mich ähnlich verhalten würde, wenn ich im Lotto gewinnen würde. Ich brauche Herausforderung und Bestätigung, mehr als ich dachte. Dennoch würde die Sonne mich bei übermäßigem Geldsegen zuerst begrüßen dürfen.

Leider wurde mein Lottoschein heute nicht angenommen. Ich hatte meinen Personalausweis zwecks zu kleiner Tasche nicht dabei und alle Beteuerungen, ich sei schon neunundzwanzig Jahre alt, halfen nichts. Ein halbes Danke für die Blumen.

Blumen suche ich später aus, beständige und Liebe austrahlende und einen kleinen schönen Stein, der mit vier Buchstaben verziert wird.

 

Golden.

 

Ich wünschte Sonne und sie kam für Tage strahlend um die Ecke. Heute wohnt sie auch bei uns. Nur wir kränkeln, schieben uns spazierend durch die gelbroten Blätterhaufen und wären viel lieber einmal quer durch die Weltgeschichte geradelt. Beim Flanieren kann man aber wunderbar Wohnungszurückeroberungspläne schmieden. Nach drei Jahren sammelt sich mehr an als man braucht. Da Frau und Herr Symphonee zudem außerordentlich unordentlich kreativ mit ihrem Stauraum umgehen, ist das Zeugs an vielen Ecken und Enden zu finden, die mal entrümpelt werden müssten. Nein, wir sind keine Messies. Man kann uns allerhöchstens Bequemlichkeit vorwerfen, gering ausgeprägte Organisationsstrukturen und ab und an Schlendrian, aber einmal die Woche wird weg- und aufgeräumt. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das geht nicht nun mehr so weiter, befanden wir, und schoben uns kränkelnd heim. Hier geräumt, da gewischt und wir mussten unsere geschundenen Körper wieder schonen.

Sonne, kommst du bald wieder? Aber erst, wenn wir kommende Woche die Fenster glänzend bekommen haben, gut!?

Schoisfreundlich.

Ich hatte die Theoriestunde schwänzen wollen. Die Sonne schien, es war warm und ich hatte in drei Tagen schon fünf Stunden hinter mich gebracht. Aber mein Liebster Pflichtgefühl drängte mich zu gehen. Hätte ich bloß auf den inneren Schweinehund gehört.

Keine andere Schülerin außer mir saß im Raum und den hereinwatschelnden Lehrer kannte ich nicht. Zehn Minuten nach Beginn setzte er sich, seufzte tief auf und beschwerte sich über seinen Tag. Ich stellte nur kurz die Höflichkeitsfrage „So schlimm?“ und der Damm war gebrochen. Er beschwerte sich über unfreiwillige Maßnahmenteilnehmer, die alle Kosten für die Fahrerlaubnis bezahlt bekämen. Dann speziell über eine junge Frau, deren Fehltritte er bis ins Detail beschrieb und seufzte dabei immer wieder tief auf. Ich antwortete spärlich, schaute auf das gebeamte Bild, räusperte mich, aber er blieb bei seiner ausführlichen Erzählung. Ich schaute irgendwann auf die Uhr und wies ihn endlich darauf hin, dass wir nur noch 45 Minuten für den Unterricht hätten. Er sah ein bisschen beleidigt aus, aber begann dann doch pflichtbewusst und abschweifend zu erklären.

Ich hätte mir diese Stunde inhaltlich komplett sparen können. Wenigstens ist Thema Nummer acht nun gegessen. Und dennoch: warum, um Himmelswillen, bleibe ich so nett? Seine Beschwerden waren langatmig und fehl am Platz, aber ich kann mein freundliches Lächeln nur sparsamer schalten. Bis ich wütend werde, muss soviel mehr geschehen. Außerdem befürchte ich einen Nachteil. Die meisten großen Meckerer vor dem Herrn sehen bei anderen geringe Kritikfähigkeit, können selbst mit diesen Dingen aber auch kaum angemessen umgehen. Darum schweige ich. Ich Feigling, ich weiß.

Irgendwie denke ich zuviel nach: vorher, dabei und nachher. Dazwischen übrigens ebenfalls und mittendrin auch.

Das Beste ist aber, dass er zum Abschluss meinte, dass es schön gewesen wäre, eine so nette Schülerin gehabt zu haben. Und was erwidere ich? Ja, ich fands auch gut. Einmal fett gelogen. Ich hätte ja wenigstens schweigen können. Nein, diese Sachen kommen automatisch aus mir heraus, als wenn sie programmiert wären. Freundlich, unauffällig und wenn, dann nur positiv auffallen.

Schoisfreundlich.

Jajaja.

Vormittags anderthalb Stunden, nachmittags anderthalb Stunden und in sieben Tagen habe ich die Theoriestunden im Schnellverfahren gefressen. In fünf Tagen die ersten zwei Fahrstunden, dann die nächsten und ich hoffe, dass ich mich geschickt genug anstelle, um in drei Wochen meinen Führerschein in der Hand zu halten.

Mit einem Bild, auf dem ich aussehe, als würde ich extra einen Schmollmund machen. Und das nur, weil ich biometrisch gucken, gleichzeitig auf einen grünen Knopf drücken musste und unter Zeitdruck stand.

Ansonsten möchte ich endlich berufliche Bewegungen sehen. Endlich- nach siebzehn offiziellen Tagen und monatelangem Augenaufhalten vorher. Ja, ich hatte es mir anders vorgestellt. Und vor allem ohne benötigten Führerschein, der noch nicht einmal ausreicht, denn einen eigenen PKW zur beruflichen Nutzung brauche ich im profitlosen sozialen Bereich meist noch dazu.

Ich wiederhole mich, ich weiß. An grauen Tagen fühlt es sich leider noch ernüchternder an als an sonnigen Tagen. Sonne, komm zurück!

Wasserfälle.

 

Einer unserer kindlichen Lieblingsplätze beim gemeinsamen Filmeschauen war früher der, von dem aus man meiner Mutter beim Weinen zuschauen konnte. Ein bisschen Geigenmusik, ein inniger Moment und meine Mutter begann zu blinzeln. In Erwartung dessen drehten wir Kinder uns um, beobachteten scharf, um dann grinsend zu urteilen: Oh Mama, das ist doch nur ein Film!

Innerhalb einiger Jahre hat sich einiges geändert. Inzwischen versuche ich, vor meinem Liebsten die Tränlein zu verbergen und sage mir: Oh Symphonee, das ist nur ein Film! Nun bemerke ich zusehends, dass nicht nur die Musik dazu rührig macht. Nein, auch wahre Begebenheiten wie die Rettung alter Frauen durch junge Männer lassen meine Augen in Wasser versinken (zumal ich ja gerade auch wieder ganz genau weiß, wie das mit der ersten Hilfe geht). Wenn ich dann allein bin, sorgt mich nicht mehr mein mich beobachtender Liebster, sondern meine verschmierende Wimperntusche. So wird nur vorsichtig herumgetupft und damenhaft geschnieft.

Wir wollen ja keine nationale Überschwemmung riskieren, einige Pfützen tuns auch.

 

Mir ist geholfen.

Eher unwillig widme ich mich dem Führerscheinerwerb. Durch gewisse Schisserqualitäten und wachsenden Respekt vor dem Autofahren könnte ich den Rest meines Lebens auf dem Rad und in den Öffis verbringen. Doch meine geringeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und der restliche nützliche Kram durchs Autofahren (schweres Zeug in Mengen einkaufen) drängen mich zum Führerscheinerwerb. Seeeeufz.

Dazu gehört ein Erste-Hilfe-Kurs, den man in acht Unterrichtsstunden zu absolvieren hat. Nun störte mich vor allem, dass ich allein hin musste und bei den Übungen (Umdrehen in die stabile Seitenlage, stabiles Hochzerren, Abziehen eines Motorradhelmes) fremde, unangenehme Menschen berühren müsste. Und die mich.

Doch was muss, dass muss. Ich stolperte also in den Kurs – eine halbe Stunde zu spät. Wie eine ordentlich Strukturlose (wegen meiner Arbeitslosigkeit habe ich keinen normalen Tagesablauf mehr) hatte ich mich in der Uhrzeit verguckt. Und Alter ey: der Altersdurchschnitt lag gefühlt bei 18 Jahren. Ich quetschte mich neben eine 18-Jährige und fühlte mich wie ihre Oma große Schwester. Es war unerträglich warm in dem fensterlosen Raum und ich wurde gleich wegen meiner tollen Aussprache wegen des Zuspätkommens zum Vorlesen verdonnert. Meine Gesichtsfarbe wurde dreifach röter (Zuspätkommen, Hitzewallungen, Vorlesen).

Im Raum saßen 20 Teilnehmer, davon 15 offensichtlich mit Migrationshintergrund- von Aussehen über Sprache oder gänzlich fehlende deutsche Sprachkenntnisse. Drei Personen taten sich mit einfachsten Aufforderungen schwer (der Leiter bat darum, sich beim Stabileseitenlagendrehen hinzuknieen und klopfte auf seine Knie. Der Aufgeforderte nickte und klopfte sich ebenfalls auf die Knie, weil er kein Wort verstanden hatte). Sogar der Leiter rollte sein „r“ ausdrücklich, was die Namensendung „ski“ in seinem Namen erklärte. Der massig und zugleich schelmisch aussehende einzige junge Vater in der Runde hatte viele interessante Beiträge beizusteuern- allesamt aus Film und Fernsehen erworben und die junge Libanesin neben mir bot mir Brezeln an.

Der Leiter achtete übrigens darauf, dass Frauen nur Frauen bei den Übungen anfassen durften und Männer nur Männer. Das war angenehm, denn dabei lernte ich die Halbbrasilianerin in meinem Alter kennen. Sie trug einen französischen Namen und pflegte einen ebensolchen Akzent. Außerdem erzählte sie mir von ihren Allergien und den vielen Städten, in denen sie schon gewohnt hatte und ich las fleißig vor.

Ich hatte viel zu lachen. Wir hatten viel zu lachen und die Zeit ging erstaunlich schnell um. Mit Ach und Krach bestand ich den Sehtest (ich brauche neue Kontaktlinsen) und suhlte mich in dem Erstaunen des Leiters, der mich ganze acht Jahre jünger eingeschätzt hätte. Erst im Nachhinein fragte ich mich, ob ich durch mein Verhalten so jung gewirkt hatte (ich musste ständig unpassend lachen, als zwanzig Augenpaare mir beim Passbildshooting zusahen und ich unter der grellen Lampe zu schwitzen begann- ich brauchte am längsten für das Bild) oder durch meinen frischen Teint.

Nun, ich habe es geschafft. Ich bin ebenfalls offensichtlich Multikulti, kontaktfreudig, eine gute Leserin und Ersthelferin. Wenn das mal keine Auszeichnung ist.

Nebenwirkung.

Es wird kälter, bunter, die Sonnenstrahlen goldener und meine Nase röter. Ich sollte mich hinsetzen und ein stylishes Accesoire, „Nasenwärmer“ genannt, erfinden. Aber wie kann ein solch unglücklich platziertes Körperteil stilsicher verpackt werden? Umstrickt? Mit einer Art Stirnband, das aber nicht die Stirn, sondern die Nase festhält? Beklebt? Mit wärmenden Stöpseln verschlossen?

Hm.

 

 

Neue Besetzung gesucht.

Psychedelische Klänge erschleichen sich ihren Weg durch mein verschlafenes Gehör. Pling. Klangklong. Plingplingpling. Schrubilling. Zing. Plinkaplinka.

Und obwohl ich weiß, was nun folgt, schrecke ich mit einem Mal hoch, da „whoa, I feel good“ in ohrenbetäubender Lautstärke geschriesungen wird. Jeden Morgen dasselbe.

Lieeebster Mannn, der seelenruhig neben mir schlummert und seinen stets zu früh gestellten Wecker überhört, schalt das Folterinstrument aus! Nunja. Wach ist an manchen Tagen wach, obwohl die Lider bleischwer über den Augen zu hängen scheinen, ob der nur fünf Stunden Schlaf (Bubbleshoot bis um 2Uhr in der früh lässt grüßen- ich knack alle Sterne!). Ich schlepp mich aus dem Bett.

Drei komma fünf Stunden später.

Hätte ich mich mal lieber um weiteren Schlaf bemüht. Die letzten Stunden haben mir nur meine eigene Miesepetrigkeit, Trägheit und Schlunzigkeit vorgeführt. Ich brauch eine neue Hauptdarstellerin!

Und nun geh ich irgendwas tun. Vögel beobachten und bestimmen. Antennenschwarzvogel. Beispielsweise.

Fünf komma fünf Stunden später.

Während ich anstrengende Onlinebewerbungen ausfülle, kommt ein Anruf von meiner einzigen besten und wunderbaren Zeitarbeitsfirma herein, die ich jemals ausprobiert habe. Ich bin vor einem Jahr sehr zufrieden mit meinem Kurzzeiteinsatz gewesen. Und nun wollte mich die Vermittlerin vom letzten Jahr nochmal sprechen, um mir Mut zuzusprechen und zu schildern, wie begeistert der Kunde im letzten Jahr von mir und meiner Arbeit gewesen sei.

Ich glaube, auch bei genauerer Betrachtung von Vögeln auf Dächern wäre meine Miesepetrigkeit nicht so flatternd verflogen wie nach diesem Anruf. Next stop: Sauber gesaugter Fussboden.