Berge.

Der Leistungsdruck verursacht mir Magenschmerzen. Einen Berg an Verpflichtungen habe ich geschafft, mir anzuhäufen. Sobald es ein Berg geworden ist, schwirrt mir der Kopf und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Doch, ich wüsste schon etwas.

Ich packe meinen Koffer, lasse die Verpflichtungen des Hamsterrades hinter mir und bin weg. Irgendwo in der Weltgeschichte. Für einige Sekunden gibt mir das ein Gefühl von Freiheit, Lösung aller unerledigten Probleme, aber nur für diese Sekunden. Anschließend komme ich in der Realität an und sehe, dass ich mich um keinen verdammten Millimeter nach vorn bewegt habe.

Meine Art des Umgangs mit Druck und Stress ist miserabel und dringend sanierungsbedürftig. Vor allem, wenn ich diese geballt in zwei Wochen Urlaub geplant habe, während meine Umgebung gerade in die schönsten Gegenden reist.

Nein, ich möchte kein Mitgefühl. Ich ärgere mich nur gerade kollossal über mich selbst. Kollossal.

 

Das letzte Mal..

.. bin ich etwas mit zwanzig geworden. Schlaue Köpfe werden verstehen, dass es sich dann um eine neun neben der zwei handeln muss. Ich bin also neunundzwanzig Jahre alt geworden und kann nicht bestätigen, dass ich Angst davor hätte, bald eine drei, vier oder fünf, sechs, sieben, acht, neun an erster Stelle stehen zu haben. Für mich werden meine Geburtstage immer besser. Ich fühle, dass ich mit mir selbst vorankommen, bei mir ankomme. Jährlich werfe ich einen schnellen Blick zurück- zurück in die aufgewühlten Zeiten, die Zeiten der Unsicherheit und Trauer, Verwirrung und sehe, dass es aufklart. Ich werde zufriedener. Endlich.

Nur das „im Mittelpunkt stehen“ an einem Tag, für den ich selbst so gar nichts kann und getan habe, ist immer wieder aufs Neue gewöhnungsbedürftig. Ich denke an meine Mutter, an die Frau, die mich auf diese Welt gebracht hat, die etwas geleistet hat, damit man mein Dasein nun Jahr für Jahr feiern kann. Ich wünschte, ich könnte diese Leistung noch einmal richtig würdigen.. Dann versinke ich wieder im lärmenden Beisammensein meiner Familie- in meinen Geschwistern, die alle ein Stück derselben Mutter spiegeln und staune über das Wunder.

Ich bin dankbar: das Netz von Liebe und Zuneigung, in dem ich leben darf, ist herzerwärmend schön. Es fühlt sich so an, als hätte ich es nicht verdient. Oder anders gesagt- nicht mehr verdient als andere. Es ist ein Geschenk, das ich nie vergessen möchte.

 

 

Übung in Zufriedenheit.

Ein kleines, nervendes Gefühl knabbert in Stunden der äußerlichen Ruhe in mir. Es befindet sich in Höhe meiner Luftröhre. Beim genaueren Hinhören erkenne ich unruhige Unzufriedenheit. Ziellos versucht es sich einzunisten, ich kenne die Ursache nicht und verstehe nur, dass es mich in produktivem Tun sehen möchte. Jetzt. Sofort.

Wahlweise auch inmitten einer großen Menge von Menschen, voller Freude und Spaß, anerkannt und von allen geliebt. Gleichzeitig am Praktikumsbericht arbeitend, den Horizont erweiternd, Wissen ins sich hineinschaufelnd.

Überhaupt: Wissen, Bildung, Intelligenz. Das Unzufriedenheitsbakterium weiß genau, was ich nicht weiß und reibt es mir so oft es geht, unter die Nase. Hey, flüstert es, du warst nie ein Überflieger und wirst es nie werden, denn dazu müsstest du endlich anfangen zu lernen. Was weiß ich schon?

Irgendwo im Netz begegnete mir mal die Deutung, dass Halswirbelsäulenprobleme mit Selbstwerteinbrüchen im Bereich der Intelligenz, des Wissens oder Nichtwissens einhergehen. Man mag dazu stehen, wie man mag: auf mich würde die Diagnose zutreffen.

Es lässt keine Ruhe, das kleine Tier in mir und mir bleibt nichts Anderes, als mich zufrieden zu reden. Schau mal, denk mal, sieh mal..

Ich atme tief ein. Ich atme tief aus. Normalerweise atme ich flach, gepresst. Atmen, sehen, verstehen: der Verstand überflügelt das Gefühl und ein Ansatz von Zufriedenheit kehrt ein. Einstellungssache? Selbstbeherrschung? Selbstwert, der über Leistung definiert wird? Luxusproblemchen einer Welt, die wenig Not kennt?

Und ich übe mich in Zufriedenheit. Erstelle Listen, die zeigen, was mich zufrieden macht. Überzeugende Punkte. Ja, auch Menschen ohne besondere existenzielle Probleme gehen einen Weg. Mein Ziel? Ein Leben, bei dem ich mir selbst ohne Scham in die Augen schauen kann, täglich genossen, mich und die Annehmlichkeiten, die es so mit sich bringt, schätzend, ohne diesen verdammten Druck, den ich mir irgendwann einmal eingepackt habe.

Ich nehme einige Pillen Selbstwertantibiotikum und atme mich durch den Sonntag.*

* Ich bin glücklich. Was auch immer Glück bedeuten mag, aber es wohnt unter meiner Luftröhre, in meinem Magen.

 

Risikofreudig.

Er liebt die Kontrolle. Mach dies, tu das, höre ich häufig von ihm. Spielen wir gemeinsam gegeneinander, werden meine Rechte zugunsten seines Spiels eingeschränkt, so dass er in jedem Fall gewinnen kann. In lispelnder Sprache gibt er Anweisungen, tut seine Meinung kund und seit ich ihm Gefühle, wie diese schwelende Wut in ihm ausdrücklich „erlaubt“ habe, boxt er liebend gern.

Der kleine Nils ist durchaus in der Lage, Teenagermädchen an der Bushaltestelle zu erzählen, dass er ihre Schuhe hässlich findet, ohne mit der Wimper zu zucken, aber ohne Mama traut er sich nicht die Straße allein zur Schule runter. Er lächelt selten, kann viele Menschen nicht leiden, doch wenn er sich an jemanden gewöhnt hat (von Vorteil ist, keine Leistung von ihm zu fordern), ist er treu an seiner Seite. Man kann sich denken, dass die Schule nicht sein liebster Platz ist, dort wird viel von ihm verlangt, dabei träumt er doch so gern und ist zuweilen quälend langsam. Immer wieder rührt mich sein unvermittelter Charme und ich weiß nicht, ob ich lachen oder innerlich ein bisschen darüber weinen soll.

Nils sucht sich am liebsten ausgerechnet Risiko aus, um gewinnend durch die Landen zu ziehen. Ich darf ein paar Steinchen platzieren und muss ihm ansonsten gefälligst zusehen. Manchmal streifen mir Gedanken durch den Kopf, die ich dann in Form von Worten äußere:

Wann hast du eigentlich Geburtstag? Er schweigt. Einmal sagte er zu mir: Du hast die schwere Last, mir Fragen stellen zu müssen. Und da hat der Junge teilweise recht- wobei ich das großartige Fragen inzwischen eingestellt habe. Ich wiederhole meine Frage. Nils, wann hast du eigentlich Geburtstag? –Welchen Monat haben wir heute? fragt er zurück. Juli. – Dann habe ich am 26. Geburtstag. Er wird acht Jahre alt. Feierst du? Stille. Nachdem er Südamerika eingenommen und meine Steinchen ohne Gnade in den Ozean geschoben hat, antwortet er entrüstet: Wieso? Glaubst du, dass ich dich dann einlade!? Ich lache auf, was seinen ernsten Gesichtsausdruck jedoch in keinster Weise beeindruckt. Nein, natürlich feierst du mit deiner Familie und deinen Freunden. – Ich habe keine Freunde, die grimmige Antwort. Aaaaber das wird besser werden, schließt er mit brummiger Entschlossenheit unseren Dialog ab.

Und wenn Nils etwas beendet, gibt es keine weiteren Äußerungen mehr.

 

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via

 

Ausgesetzt, aber mit Zuneigung versehen.

Sie hat uns Kekse und Chips mitgebracht. Ein kleiner Dank von ihr dafür, dass ich immer etwas Kleines für sie da habe. Es fällt ihr schwer, mit Worten zu danken, aber diese kleine Geste berührt mein Herz.

Oft fragt sie mich in letzter Zeit, wie gern ich sie habe. So sehr wie meinen Liebsten? Wen würde ich mehr mögen: sie oder das Mädchen, das nach ihr zu mir kommt? Sie schluckt Bestätigung und Wärme wie eine in der Wüste halb Verdurstete.

An diesem Tag beschäftigt sie neben den Keksen die Frage, ob ich für immer an diesem Ort bleiben werde. Ich erkläre, dass ich bis Ende September da bin. Trotzig erkundigt sie sich danach, wer dann mit ihr die Stunden verbringt, um gleich danach hinzuzufügen, dass sie zu niemand Anderem wolle. Ich verstehe. Beziehungsaufbau ist gelungen.. und es wird auch für mich schwer werden, sie einfach so zurückzulassen.

Nach der Stunde nimmt sie eine Babypuppe aus unseren Räumen, setzt diese ins Treppenhaus, mit dem Rücken zur Treppe und einem Ausblick auf die Straße, versorgt mit einem Milchfläschen.

Als ich sie eine Woche später darauf anspreche, ist es ihr unangenehm: die Puppe sei so hässlich gewesen, dass sie es nicht habe aushalten können und sie darum auf den Boden geschmissen habe. Gleich darauf beginnt sie, mit einem Edding herumzufuchteln, sie schafft es immer wieder, eine frisch gestrichene Wand anzumalen (Nagellackentferner wirkt Wunder), ein Spiel dreimal hintereinander fallen zu lassen und weiß genau, wie sie meine Aufmerksamkeit von brisanten Themen auf gefährdete Dinge ablenken kann.

Beständige, annehmende Beziehung mit einer guten Prise Grenzen kann Hügelchen versetzen. Was jedoch nicht bedeutet, dass man ab und an einen Sack Flöhe zu hüten scheint. Einen Sack Flöhe, den man sehr gern hat.

 

Unverdaulich.

Ich plane eine Feier zu Ehren meines letzten Jahres in den Zwanzigern. Und vielleicht auch zu Ehren des Lebens, der Freundschaft, der Freude? Vor drei Jahren hätte dieses Fest ganz anders ausgesehen. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders. Dieses „anders“ von heute hätte ich damals ansatzweise verurteilt, zumindest gab es die eine Haltung, die besagte, dass Grauzonen klare Gesetze haben.

Meine Familie lebt immernoch in diesen Rahmenbedingungen. Ich verließ sie. Damit ich entspannt feiern kann, mein freieres Leben zelebrieren, tief einatmen und mich erfreuen kann, lade ich meine jungen Geschwister und ihre Partner nicht ein. Es schmerzt mich sehr und jede Nacht träume ich von ihnen. Ein Teil von mir möchte sagen: „Schaut, wie gut man es haben kann!“ Ein anderer Teil hat Angst vor Verurteilung, vor unausgesprochenen Sätzen wie „Seht ihr, das kommt davon, wenn man die klaren Rahmen verlässt!“.

So trenne ich das. Ein treffen für meine Familie, eine Feier für meine Freunde. Überschneidungen scheinen momentan eher unmöglich.

Meine Geschwister sind wahrlich keine weltfremden, versteckten, lebensunfreudigen Wesen. Sie haben nur hier und da Ansichten, die keinem wehtun, aber ganz klar gezogen sind. Ich gehörte mal dazu, kenne diese und bin nun raus.

Mein Thema, das wiederkehrt. Herzschmerz für mich. Ich gewann viel: Lebensfreude, Entscheidungsfreiheit, Freunde dazu. Und gleichzeitig verlor ich meinen uneingeschränkten, nahezu kindlichen Glauben, eine eingeschworene Gemeinschaft, meine Familie in vielen Bereichen.

Und ich träume weiterhin jede Nacht von einem rauschenden Fest und Geschwistern, mit denen ich mich, wie zu Zeiten unseren gemeinsamen Weges, frei freuen darf.