Ich lebe [zunehmends Jalousienlos].

Ich trug Fesseln. Fesseln aus dünnen Seilen, aber doch fest genug gebunden, um beim Lösen viel aufs Spiel zu setzen. Sie hielten die freiheitsliebenden Schmetterlinge in mir gefangen- durchaus mit plausiblen Erklärungen und Gründen geschmückt. Und mit viel Elternliebe garniert, die mich zuversichtlich hat werden lassen. Und gefangen.

Ich war vierzehn, als ich Titanic im Kino sah. Ich schaute mir den Film dreimal an, verliebte mich in Leonardo di Caprio, war ergriffen und durchdrungen von dieser Katastrophe. Der Film war sehr eindrücklich für mich behütete Spätzünder-Teenagerin gewesen.

Es waren meine ersten Kinobesuche und vorerst für viele Jahre meine letzten gewesen. Vielleicht beobachteten meine Eltern, dass ich sehr ergriffen war und beschlossen, mich vor dieser Welt zu beschützen, indem sie sie mir verschlossen? Das Böse lag immer außerhalb, ein Kontakt zu ihm sollte vermieden und am besten hinter einer das Fenster zur Außenwelt verdeckenden Jalousie versteckt werden. Ein NEIN, lange genug durchgehalten, genügte und ich wurde nach einiger Zeit kampfunfähig.

Das Verbot endete nicht tragisch. Sie nahmen mir sowieso nur einen Luxus, aber ich empfand es fehl am Platz- beschneidend und beschämend. Heute regt sich ein starkes Ungerechtigkeitsgefühl, wenn ich daran zurückdenke.

Acht Monate befinde ich mich nun im Anerkennungsjahr, ich arbeite mit den Menschen und an mir. Häufig ploppen Zusammenhänge vor meinem inneren Bildschirm auf. Ich ahne und verstehe plötzlich. Ich erkenne Gründe und Ursachen: manche Verhaltensweisen waren wichtig, sogar wenn sie heute die ungeliebtesten sind. Die Plopps werden gerade am laufenden Band produziert, während ich ein wunderschönes Buch lese:

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„Einige Leute sind von vornherein besser dran, weil sie aus glücklichen Familien kommen – was wirklich das Beste ist, was einem passieren kann. Andere starten unter weniger guten Voraussetzungen, sind daher weniger „ganz“, aber sie hatten das Glück, einen Partner zu finden, der ihnen die Angst nahm vor dem, was hinter der Jalousie steckt. Dann haben sie die Unterstützung, die Liebe, die sie brauchen, um das Unbehagen ertragen zu können, das bei dem Versuch entsteht, mit den versteckten Teilen ihrer Persönlichkeit in Kontakt zu kommen und sie aufzudecken. Durch dieses Bemühen werden sie fähig, sich zu ändern und sich aufwärts, dem „gesunden Ende des Spektrums“ zu zu bewegen.“  [Skynner/Cleese, S.61 – 1995]

Weit entfernt von einer unglücklichen Familie, aber aus einer Familie stammend, die unter besonderen Umständen ihren Weg suchte, puzzle ich immernoch an mir herum, ein stilles und beständiges Danke an meinen Liebsten schickend, der all dies ihn mir aufbrach.

„[…] Ich höre schon die Geigen – als nächstes wirst du kundtun, dass unsere Partner die besten Seelenonkels sind. […] Das kann schon so sein!“ [S.66 ebd.]

Bestens erklärt.

 

Bevor ich sie begrüßen kann, erklärt sie mir, dass sie nur wegen dieser Creme ein blaues Auge hat. Sie habe sie aufgetragen und dann nicht mehr abbekommen und dann gerieben, gerieben, gerieben.. Aha, sage ich und schon brökelt ihre Wand. Außerdem habe sie sich geschlagen. Mit der dünnen Envin. Nicht mit der dicken. Mit der Bohnenstange. Die hat Geheimnisse rumerzählt und ihre Familie beschimpft. Also hat sie sie geschlagen. Und die ganze Schule hat sie angefeuert. Weil alle Envin hassen.

Aber am blauen Auge ist die Creme schuld. Und sie will nicht über Envin reden. Sie tut es doch, während sie minutenlang ein zu erratendes Bild des Spiels „Wer ist es?“ heraussucht und sich wahrlich schwer damit tut.

Zum Schluss malt sie noch ein Bild von mir. Und obwohl sie immer wieder androht, mich dick zu malen, krumm oder kindisch, wird es am Ende eine junge, hübsche Frau, die lächelt. Im Grunde genommen ist sie erst zwölfundhalb und ich ein bisschen ihre große Schwester, ein bisschen mütterlich, ein bisschen therapeutisch und ganz oft nervig, wenn man ihren Worten glauben will. Und doch würde sie am liebsten dreimal wöchentlich kommen als nur die eine Stunde am Montag. Man hört besser nicht nur die Worte.

Die Geschichte mit der Creme werde ich ihr dennoch wieder unter die Nase reiben. Und dann werden wir ein bisschen zusammen darüber lachen.

Warum bittersüß.

Die große Christina, mit den naturroten Haaren, der ausladenden Hüfte und der weiblichen Taille wurde sechzehn und lud nur Mädchen zu ihrer kleinen Party am Rande der Stadt ein.

Ich saß einige Male in der Woche im Fremdsprachunterricht neben ihr, wo sie mir ab und an ChocMints rüberschob, die wir versuchten heimlich zu lutschen, um es vor unserem wunderlichen Spinnenartigen Lehrer zu verstecken. Dieser reagierte mit ausholenden Gesten auf jedes im Mund befindliche Kaugummi, indem er den Papierkorb von der Wand riss und ihn vor die Nase des Schuldigen hielt- zum Ausspucken des Beweismittels.

Christina wurde im November sechzehn und ich war eingeladen: es gab Essen, harmlose Getränke, Musik und zaghaft tanzende Mädchen. Ich hatte das neue Handy meines Vaters mitnehmen dürfen- eines der ersten Stunde mit gummiartigen Tasten, die auf leichten Druck nachgaben, und ich versuchte an diesem Abend meinen drei einzigen bekannten Handybesitzern die größtmögliche Zahl an SMS zu schicken.

Als es dunkel wurde, setzten wir uns um das Sofa herum, um einen Film zu schauen. Meine Eltern achteten normalerweise sehr darauf, Kussszenen aus unserem KinderLeben herauszuhalten, geschweige denn Bettgeschichten oder gar Horrorfilme und Psychothriller. Als der Film begann, wünschte ich mich also aus vielerlei Gründen ganz weit weg, denn wir schauten uns

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an, dessen Szenen mir bis heute nicht aus dem Kopf gehen wollen. Mir blieb nur, mich in dem verlassenen dunklen Haus zu verstecken und die Geräuschkulisse des Filmes zu hören oder meine Augen zu schließen und andere entsetzte Freundinnen um mich zu haben. Es war eine Tortur, die mir dennoch das Gefühl gab, endlich die Schwelle überschritten zu haben. Und die mich wissen ließ, welches Filmgenre ich mir nicht mehr antun wollte.

Neben dem Horror ergriff mich ebenso der Soundtrack, so dass ich später lange suchte, bis ich den einen bittersüßen Song auf Kassette gebannt hatte und ihn regelmäßig beim Schaukeln auf dem Walkman abspielte. Ja, ich war mit sechzehn noch nicht sechzehn nach heutigen Massstäben. Aber das Lied hat mich von da an begleitet und umspielt mich mit plätschernden Wahrheiten, Tatsachen, bitter und doch voller Hoffnung. Er verheißt mir jedesmal aufs Neue, dass das Leben süß werden und alles irgendwie gut werden wird.

Unter diesem Satz steht mein neuer Blog, denn wenn das Schreiben mich packt, sind die besten Zeiten nicht zwangsläufig in der Nähe und wenn ich schreibe, forme, sortiere und erkenne ich. Ich trenne das Bittere vom Süßen und oft muss das Bittere verschriftlicht bleiben, während ich das Süße aufsauge und mit in mein Leben nehme.

Ich bin keine Gute-Laune-Bloggerin mehr und wenn ich in meinem ersten (den meisten unbekannte, da gelöschten) myBlog noch witzig und selbstironisch schreiben konnte, dann lag es daran, dass ich eine Andere gewesen bin, die meine melancholische Seite in Tagebüchern auf Papier festhielt.- Doch möglicherweise ist diese Andere nur unter ganz viel kleinen Papierschnipseln begraben und das schichtweise Beschreiben dieser Zettel holt sie aus diesem Berg heraus?

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