Sommergefühle.

Summer

 

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Sehnsüchtig blicke ich dem Sommer hinterher, ungetröstet ob der Tatsache, dass in einigen oder vielen Monaten der nächste wieder vor der Tür stehen wird. Helle Tage, warme Winde, die meine braungebrannte Haut streicheln, frische Luft und Blätterrauschen wechseln sich im meiner Erinnerung. Die Nachbarin aus dem Haus die Straße runter, die mit herrlich französischem Akzent zu einem Aperitif einlädt, weil man ihr und den Kindern beim Kofferheimrollen geholfen hat. Musik unter freiem Himmel und das mitreißende Gefühl, wenn etwas einem ins Herz spricht. Zart beginnende Morgen und Fahrradwege zur Arbeit bis das Fahrrad vom Liebsten repariert wurde und von da an die Gangschaltung freies Fahren unmöglich machte. Das verlängerte Wochenende in Leipzig voll Sonne, marschierter Kilometer, die eine beste Freundin, die nun auch dreißig geworden ist und das gebührend feierte. Ein Balkon zum Grillen, Pflanzen und Ernten. Tomaten vom Balkon, die den Mund mit würziger Süße füllen und eine feste Schale präsentieren. Unglaubliche Hitze, die am neu entdeckten Freibadsee am besten zu ertragen war und anschließend eine große Ofenkartoffel mit Kräuterquark und ein Radler dazu. Tante werde und das Wunder des Lebens betrachten, was unmittelbar den Kinderwunsch schürt und Erinnerungen weckt, die vor einem Jahr den Sommer beschlossen. Versuche, im Hier und Jetzt zu leben, weniger im Damals und in dem, was noch kommen mag. Ein später, aber erfüllter Sommer, immernoch und hoffentlich für immer mit meinem Liebsten.

Kinder, Kinder.

Es werden ständig Kinder geboren. Sie erblicken reihenweise das Licht der Welt und inzwischen werden zunehmends mehr Menschen in meinem Umfeld Eltern. Es rückt näher. Hautnah. Besonders, wenn die eigene Schwester schnwanger ist und ihr Bauch  zu einer niedlichen prallen Kugel wächst. Hautnah erlebe ich die Verwandlung einer jungen Frau zu einer werdenden Mutter. Die schönen und die anstrengenden Seiten. Geschwollene Beine voller Wasser bei Sommerwetter, erste Klopfzeichen an die Außenwelt, Sorgen und Freude nah beieinander. Ich glaube, das ist ein Merkmal für das Elternsein. Die Verantwortung neben der Unfassbarkeit der Tatsache: zwei Menschen haben sich vereint, um einen hervorzubringen, der eine Mischung ist und doch wieder jemand ganz Neues. Gänsehautfeeling.

Als mich am Dienstagabend die Nachricht ereilte, dass ihre Fruchtblase geplatzt sei, wurde mir kribbelig zu Mute. Man kann in diesen Augenblicken (..Stunden und Tagen..) nur warten und hoffen. Zweiundhalb Stunden später war er da (wirklich rasend schnell für die erste Geburt!). Mein erster kleiner, süßer, rotgesichtige Neffe. Herzig. Und ich durfte beobachten, wie meine Schwester vor meinen Augen zu einer Mutter wurde. Manchmal noch ein wenig unbeholfen, aber doch wieder so selbstverständlich. Die Eltern sind nun nie mehr zu zweit, sondern zu dritt oder zu viert oder zu fünft oder… Das erste Kind in unserer Familie ist da. Herzlich willkommen!

Ja, der große Zuwachs hat begonnen: es gibt zwei weitere Schwangerschaften. Und nein, ich bin nicht unter den Glücklichen, mein Kind ist erst einmal die Karriere. Oder das Fundament einer Karriere. Schließlich werde ich dieses Jahr schon dreißig und irgendwas war da, vonwegen Großfamilie und Haus voller Kinder und Lachen und Garten und all die Wünsche, die einem manchmal erstrebenswert vorkommen. Dafür sollte man aber erstmal beginnen.

Auf all die Kinder, die noch in diese Welt hineingeboren werden. Mögen sie es gut haben.

Die verlorene Bloggerseele.

Einst schrieb ich regelmäßig in ein Hardcoverbuch mit Blümchen, in blau oder gemustert, ganz schnöde mit einem Kuli oder Füller. Es gab mehr oder weniger zu erzählen, aber das war auch egal, denn ich war die einzige Leserin meines Geschreibsels. Und dann kam das Internet in mein Leben und ich eröffnete 2004 meinen ersten Blog unter meinem echten Namen, mit Bildern und sehr persönlich, aber niemals ein Ersatz zu den Gedanken, die ich in der Abgeschiedenheit für meine eigenen Augen festhielt. Ich gehörte also mit zu der ersten Bloggergeneration, möchte ich mal behaupten.

Nach dem Internet kam mein Liebster in mein Leben, der meinen Blog erst einmal sehr hoch lobte und sogar seinen Freunden davon erzählte. Es wurde zu einem Wesen, das Neuigkeiten und Erlebnisse erzählte und wenn die Person dahinter sie erzählen wollte, wusste die halbe Menschheit schon längst davon. Mein Blog gedieh und wuchterte irgendwann vor sich hin. Wo war nur die Grenze zwischen realem und virtuellem Leben geblieben? Einige Jahre später kamen auch Zweifel vonseiten meines Liebsten, dass er doch auch nicht mehr so gern im Internet unter seinem echten Namen erscheinen würde. Dann kam ein verschmähter Verehrer dazu, der begann, mich über den Blog zu „stalken“ und mir wurde vollends das Ausmaß eines öffentlichen Internetlebens klar.  Zu spät – einmal losglassen, bleibt nur noch das Löschen, um etwas für die große breite Masse unsichtbar zu machen. Sehr schweren Herzens löschte ich mein Baby in seiner Gesamtheit (und bereue bis heute bitterlich, dass ich noch nicht einmal Teile davon für mich gespeichtert habe – wobei die bei den vielen Festplattencrashs sicher inzwischen ebenfalls verlorengegangen wären).

Das Tagebuchschreiben auf Papier ist gestorben, Tagebuchschreiben auf Wordpapier ohne dass es jemand liest, ist mir leider inzwischen zu wenig und meine Bloggerseele hat eine Blockade, der ich nicht auf den Grund gehen kann. Aber das Schreiben fehlt mir. Wenn der Drang danach zu stark wird, setze ich mich nieder, öffne den Unterpunkt „neuen Artikel erstellen“ und beginne im besten Falle gleich zu schreiben. Dann lese ich die ersten Sätze und frage mich unweigerlich, ob ich melancholisch bin. Ja, die melancholische Seite gehört zu mir, aber im Alltag kommt sie doch selten zu Tage. Wer mich kennenlernt, meint eine Optimistin und ungetrübte Gute-Laune-Seele zu treffen. Die ist auch zu großen Teilen vorhanden, aber das Melancholische ist verborgen da und kommt scheinbar nur beim Schreiben heraus. Das gefällt mir nicht, denn eigentlich möchte ich auch sagen „Hallo Leute, mir geht es hervorragend. Das Leben läuft und bietet mir nur ab und an einen vermeintlichen Stolperstein. Ich bin zufrieden- meistens- und wenn ich was habe, arbeite ich daran und kümmere mich darum. Ja, ich habe mich selbst im Großen und Ganzen endlich gefunden. Super! Toll! Jippieh. Schaut euch mein spannendes Leben an- hier sind die Bilder. Juhu.“ . Doch dann fließen pathetisch klingende Sätze, abgeklärte Phrasen und melancholische Spitzen aus mir heraus. Ich stehe am Scheideweg: akzeptieren und diese ganze Bloggergeschichte aufgeben oder das, was aus mir herauskommt, aufschreiben und der halben Menschheit präsentieren (Hallo, meine paar treuen Leserinnen!)?

Ich habe mich nicht entschieden. Und hoffe immernoch, meine verloren geglaubte Bloggerseele an der nächsten Straßenecke wiederzutreffen und sie herzlich in meine Arme schließen zu können. Bis dahin verspreche ich nichts und verliere die letzten paar Leserinnen. So ist das Leben.

Wolkenschaufelei.

Die Kriminalromane von Fred Vargas sind  angefüllt mit skurillen Charakteren und unglaublichen Wortschöpfungen. Gleichzeitig durchzogen von der Akzeptanz gegenüber menschlicher Andersartigkeit und Besonderheit – wie passend hierbei, dass sich sonderbare Menschen in Paris scheinbar häufen.

Als ich vor einigen Tagen die Frage gestellt bekam, wie ich fachliche Entscheidungen treffen würde, hätte ich aus jedem Vargas-Buch zitieren können, denn der Kommisar Adamsberg gilt als Wolkenschaufler. Bei seinen Gedankenvorgängen meint man, auf einem schwankenden Schiff zu stehen und wenn es sich auf die eine Seite neigt, rutscht ein Fragment herunter und wenn es sich zurücklegt, taucht wieder ein anderes Stück aus dem Ganzen auf. Und mit einem Mal steigt eine Lösung, ein Zusammenhang wie die Morgensonne aus dem Horizont herauf.

„Adamsberg dagegen war für jeden Windhauch offen, wie eine Bretterbude, ein Hirn in freier Luft, dachte Danglard. Stimmt, man hätte glauben können, dass alles, was durch die Ohren, Augen oder Nase in ihn Eingang fand, Rauch, Farbe, Papierrascheln, wie ein Luftzug durch seine Gedanken strich und sie daran hinderte, Gestalt anzunehmen.“*

Feste Gedanken bis zum Ende zu verfolgen, fällt mir nicht leicht, aber sie befinden sich meistens irgendwo im Hintergrund und plötzlich hat der Hintergrund sie zu Ende gedacht, ohne dass ich ihn dazu hätte auffordern müssen.

Wenn man mich erzählen lässt, beginne ich bei Z, um zwischendurch beim Ö zu landen und dann ein A mit einem B zu verknüpfen. Manchmal sehe ich, wie der Zuhörer meinen Gedankensprüngen hinterherhechelt und versuche auf meine innere Bremse zu treten. Zuweilen gelingt mir dies auch.

Leider leidet darunter auch mein Lernvermögen, etwas genau zu verinnerlichen. Stattdessen verknüpfen sich halbe Wissensenden mit Worten und wenn ich das Wort „Wolke“ höre, denke ich an die Zeit, als ich die neunte Klasse besucht und morgens immer ein Erdkundelehrbuch in den Garten nahm, um die Wolkenformationen auf eine Wettervorhersage festzulegen. Trotz der Regelmäßigkeit meiner sommerlichen Wetterbeobachtung habe ich mir keine einzige Regel bis heute merken können.

Deshalb lese ich Vargas gern. Und weil ich für mehr Menschen mit Besonderheiten bin.

[„Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“ von Fred Vargas, S.61/62]

Symphonee’s weekly #8

_Gesehen_  Auf den Spuren der Nomaden“ – eine sehr authentisch und ehrlich erzählte Abenteuerreise / ein bisschen „Hulk“, ein bisschen „Bad Boys II“ – ich habe gerade eindeutig kaum Geduld, ganze Filme vom Anfang bis zum Ende zu sehen / beeindruckender Teil über Stadtgewächshäuser in der Samstagsdokumentation bei vox / Big Bang Theory zum Gesunden

_Gehört_  EnJoy und Hit Radio Antenne

_Getan_ Haare gefärbt (mag ich nicht, aber habe damit nun mal wegen beginnender Ergrauung angefangen) / einen Familiengeburtstag gefeiert / geruht / spazieren gegangen / viel israelischen süßen Wein bestellt / Frühlingsdeko gebastelt

_Gelesen_   „Der verbotene Ort“ von Fred Vargas begonnen – ich liebe diese skurillen verschrobenen Charaktere / neue Blogs über Balkongärtnerei

_Gegessen_ Sonnenblumenkernbrot mit Maasdamer und Möhrchen / Chinanudeln mit Hühnchen / Nudeln Bolognaise (einmal echt und einmal mit Tofu) / Restelasagne / Möhren-Tomaten-Salat / Paprikasalat mit Mozzarella / Aladiki / Schuba / Geburtstagstorte

_Gelacht_ auf der Arbeit / über so manchen Harlem Shake

_Geplant_ Süd-Frankreich / Fitness ab April / Balkongarten / Auffrischungen in unserer Wohnung

_Gekauft_ Tropfen gegen verstopfte Nasennebenhöhlen / schöne Jalousie / Pflanzensamen

_ Geärgert _ über Pickelplage auf der Stirn und gleichzeitige trockene Stellen im Gesicht (ebenmäßige Haut, wo bist du hin!?) / über Schnee am 17. März (da dies der Geburtstag einer langjährigen Freundin ist, weiß ich ganz genau, dass es an diesem Datum meistens schön und warm war) / Verzögerungen

_Gefreut_ darüber, dass ich mich besser fühle / Sonnenstrahlen / Sommerpläne / über eine  Zusage zu einer neuen Stelle

_ Gewünscht_ Frühling, Frühling, Sommer / bald mit dem Sport beginnen zu können (die NaNeHöEntzündung sollte schon weg sein) / ein Häuschen mit Garten, in dem ein Haufen unserer Kinder spielen und ich Unmengen an Gemüse und Obst und Kräutern ernte / Temperaturen zum Fahrradfahren

 

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Winterkinder.

Im Kindergarten (damals hieß das noch so) habe ich, kurz nachdem wir in Deutschland angekommen waren, eine Kassette bekommen, die ich inniglich liebte. Im Nachhinein weiß ich sogar, dass Rolf Zuckowski plus Kinderchor derjenige war, den man darauf hörte, aber damals war er weder mir noch meiner Familie ein Begriff. Bis jetzt gibt mir das Lied ein gespanntes und freudiges Gefühl in Bezug auf den Winter, obwohl ich mich eher als Sommer- denn als Winterkind bezeichnen würde. Aber Schnee bildet die Ausnahme.

Gestern lief ich zwei Stunden durch den Schnee, sehr warm eingepackt und dennoch nach einiger Zeit frierend. Sich mit der Kälte zu konfrontieren, bringt den besten Erfolg im Kälteaushaltenkönnen.

Die Stimme aus dem Off.

In diesem Jahr fühlte ich mich von den kalten Jahreszeiten überfallen. Eben noch fast warmes Wetter, dann schon wieder fast kalt und nun haben wir das Novemberblatt auf unseren Kalendern umgeschlagen.

Apropos Kalender. Ich gehe jedes Jahr im Januar auf Kalendershoppingtour. Leider habe ich in diesem Jahr vor lauter Veränderungsstress die gesamten Reduzierwochen verpasst und anschließend gab es kaum noch schöne Wandkalender. So gab es im Hause Symphonee keinen Wandkalender, zumindest keinen vom Jahre Zweitausendundzwölf.

Plötzlich hatte ich keinerlei Ambitionen mehr, rauszugehen, mich in Schichten zu packen, mein Fahrrad zu satteln oder zuviel zu Fuß zu gehen. Kalt. Nass. Gruschlig. Buuuh. Auf der anderen Seite kann ich nicht zu lange irgendwo sitzen, meine Beine beginnen unruhig zu werden, mein Kopf zu dröhnen, meine tausend Hummeln zu summen. Meine Empfehlung: alle Bedenken über Bord werfen und einen langen Spaziergang machen. Das belebt.

Und wenn der Liebste dabei ist, entstehen viele, viele Bilder. Von Bäumen. Und Schildern. Von Wolken, Feldern und den letzten Blümchen. Und von Symphonee.

 

 

 

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Ernüchternde Landung.

Tief in meinem Herzen tanzen große und kleine Ängste ihren Reigentanz, schlagen auf den Magen, lassen mich hibbelig werden und ohne Punkt und Komma reden. Unsichere Situationen und mein eigener Erwatungsdruck lassen den Schutzschild sinken und schon tanzen sie nicht nur im Herzen, sondern toben durch meinen ganzen Körper.

Doch manchmal bin ich plötzlich mutig und bewerbe mich als Personaltante bei einem Unternehmen, das soziale Anstriche zeigt und eine überzeugende Internetpräsenz aufweist.

Einen Tag später werde ich tatsächlich eingeladen, um daraufhin eine Woche zu überlegen, wie ich mich auf das Gespräch vorbereiten sollte. Möglicherweise wird man mich bitten, ein Einstellungsgespräch nachzuspielen? In jedem Fall weiß ich alles über das Unternehmen, über mich und kann meinen Quereinstieg logisch erklären.
Ich hätte es mir sparen können.

Der äußere Eindruck war unaufgeräumt und von Kommen und Gehen geprägt. Ich mag lebendige Arbeitspätze. Gut. Zwischendrin sprechen die Mitarbeiter miteinander polnisch. Ich verstehe ein bisschen polnisch, aber höflich ist das nicht. Ich muss fünfzehn Minuten warten, um dann zwei Etagen höher wieder warten zu dürfen. Währenddessen läuft ein rauchender Mitarbeiter durch den Flur. Ein mittelalter Mann schlurft auf mich zu, nennt meinen Namen, gibt mir jedoch nicht die Hand und beginnt einen Raum für das Gespräch zu suchen. Wir landen in einem verlassenden, nach Zigarettenrauch stinkenden Raum und setzen uns. Der Akzent des Geschäftsführers ist vorherrschend, er fordert mich auf, etwas über mich zu erzählen. Er gähnt dabei. Entweder hat er zu wenig Schlaf bekommen oder er steht unter Medikamenteneinfluss. Seine Augen wirken nicht ganz wach und seine schleppende Art zu reden irritiert mich.

Wollen Sie Kinder? Schon 2013? Können wir nicht gebrauchen. Das sei ein harter Job. Ohne Feierabend. Immer Bereitschaft. Zuständig für viele Mitarbeiter- allzuständig für viele Mitarbeiter.

Ich bin erleichtert. Das Unwohlsein wurde mit jeder Minute größer und die Bedingungen eines „harten Jobs“ halten mich ab, zusagen zu müssen. Nein, ich brauche Feierabende und Freizeit. Das Leben an sich gefällt mir. Ich sage ab und trete erleichtert in die Freiheit.

Nunja. Zumindest für dreißig Minuten. Anschließend darf ich Autofahrenüben. Und das ist der Start für eine weitere Folge von „Symphonee setzt sich erfolgreich unter Druck“. Tadaaaa. Ich hätte mir nach dem Gespräch freinehmen sollen.

Nun kommt ihr ins Spiel: erzählt mir, dass ihr gebraucht habt, um alles beim Fahren unter einen Hut zu bringen und dass es normal war und dass ihr auch mal Angst hattet und dass ihr trotzdem irgendwann die Prüfung geschafft habt. ERMUTIGUNG!

Mir ist geholfen.

Eher unwillig widme ich mich dem Führerscheinerwerb. Durch gewisse Schisserqualitäten und wachsenden Respekt vor dem Autofahren könnte ich den Rest meines Lebens auf dem Rad und in den Öffis verbringen. Doch meine geringeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und der restliche nützliche Kram durchs Autofahren (schweres Zeug in Mengen einkaufen) drängen mich zum Führerscheinerwerb. Seeeeufz.

Dazu gehört ein Erste-Hilfe-Kurs, den man in acht Unterrichtsstunden zu absolvieren hat. Nun störte mich vor allem, dass ich allein hin musste und bei den Übungen (Umdrehen in die stabile Seitenlage, stabiles Hochzerren, Abziehen eines Motorradhelmes) fremde, unangenehme Menschen berühren müsste. Und die mich.

Doch was muss, dass muss. Ich stolperte also in den Kurs – eine halbe Stunde zu spät. Wie eine ordentlich Strukturlose (wegen meiner Arbeitslosigkeit habe ich keinen normalen Tagesablauf mehr) hatte ich mich in der Uhrzeit verguckt. Und Alter ey: der Altersdurchschnitt lag gefühlt bei 18 Jahren. Ich quetschte mich neben eine 18-Jährige und fühlte mich wie ihre Oma große Schwester. Es war unerträglich warm in dem fensterlosen Raum und ich wurde gleich wegen meiner tollen Aussprache wegen des Zuspätkommens zum Vorlesen verdonnert. Meine Gesichtsfarbe wurde dreifach röter (Zuspätkommen, Hitzewallungen, Vorlesen).

Im Raum saßen 20 Teilnehmer, davon 15 offensichtlich mit Migrationshintergrund- von Aussehen über Sprache oder gänzlich fehlende deutsche Sprachkenntnisse. Drei Personen taten sich mit einfachsten Aufforderungen schwer (der Leiter bat darum, sich beim Stabileseitenlagendrehen hinzuknieen und klopfte auf seine Knie. Der Aufgeforderte nickte und klopfte sich ebenfalls auf die Knie, weil er kein Wort verstanden hatte). Sogar der Leiter rollte sein „r“ ausdrücklich, was die Namensendung „ski“ in seinem Namen erklärte. Der massig und zugleich schelmisch aussehende einzige junge Vater in der Runde hatte viele interessante Beiträge beizusteuern- allesamt aus Film und Fernsehen erworben und die junge Libanesin neben mir bot mir Brezeln an.

Der Leiter achtete übrigens darauf, dass Frauen nur Frauen bei den Übungen anfassen durften und Männer nur Männer. Das war angenehm, denn dabei lernte ich die Halbbrasilianerin in meinem Alter kennen. Sie trug einen französischen Namen und pflegte einen ebensolchen Akzent. Außerdem erzählte sie mir von ihren Allergien und den vielen Städten, in denen sie schon gewohnt hatte und ich las fleißig vor.

Ich hatte viel zu lachen. Wir hatten viel zu lachen und die Zeit ging erstaunlich schnell um. Mit Ach und Krach bestand ich den Sehtest (ich brauche neue Kontaktlinsen) und suhlte mich in dem Erstaunen des Leiters, der mich ganze acht Jahre jünger eingeschätzt hätte. Erst im Nachhinein fragte ich mich, ob ich durch mein Verhalten so jung gewirkt hatte (ich musste ständig unpassend lachen, als zwanzig Augenpaare mir beim Passbildshooting zusahen und ich unter der grellen Lampe zu schwitzen begann- ich brauchte am längsten für das Bild) oder durch meinen frischen Teint.

Nun, ich habe es geschafft. Ich bin ebenfalls offensichtlich Multikulti, kontaktfreudig, eine gute Leserin und Ersthelferin. Wenn das mal keine Auszeichnung ist.

Es war einmal: Arbeit.

Arbeit nimmt in meinem Leben einen großen Stellenwert ein. Vielleicht fragt ihr euch, wieso ich mich schon wieder in meinen Einträgen mit Stellensuche und Chancen beschäftige, wieso ich mich so sehr unter Druck setze.

Ja, manchmal tu ich das. Immer wieder. Das hat jedoch einen ganz schnöden Grund.

Ich war bis eben noch „in Ausbildung“ , mein Liebster ist wieder „in Ausbildung“- er macht auf dem zweiten dritten Bildungsweg seine Fachhochschulreife nach und das alles muss gemeinsam irgendwie finanziert werden, denn wir bekommen beide keine Förderung. Wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen und stehen gemeinsam dahinter (es ist auch eine wunderbare Sache!), aber zuweilen muss man schauen, dass man alles beisammen hat, was man braucht. Letztes Jahr gab es drei Monate, die sehr schwierig waren und das möchte ich kein zweites Mal erleben, so dass ich mich bezeiten kümmere und mich ab und an unter Druck setze. Meine Einträge spiegeln dann das wider, was ich gerade täglich mit mir herumtrage: hoffentlich kommt bald eine Option, auf dass wir unabhängig und in unserem Rahmen zufrieden weiterleben und -lernen können.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann arbeiten sie noch heute.