Zwischen Eintönigkeit und Spannung.

Jaa, jubelt es in mir, Jonschik schläft. Was darf ich die nächsten drei Stunden anstellen? Drei ganze Stunden daheim, das klingt paradiesisch. Da wäre die Küche aufzuräumen, die Wäsche zu machen, die eigene zu groß gewordene Kleidung zu sortieren und bei Kleiderkreisel einzustellen (ich brauche dringend Hosen, die mir nicht über den entschwundenen Hintern rutschen) und ganz wichtig: die über 90 Quadratmeter große Wohnung zu saugen und zu wischen. Sonst tut das nämlich unser Ganzkörperwischer Jonschik und wirklich lecker schaut der am Ende dann auch nicht aus. Besonders schön: harte, versehentlich in die Ecke getretene Brotstückchen als Nachtisch direkt vom Boden zu verspeisen, nachdem das liebevoll zubereitete Frühstück komplett verweigert wurde. Nein, Moment. Zuerst hieß es „da da da“, Jonschik möchte Wurst, möchte Brot, möchte Apfel, möchte das halbe Wildschwein, um sofort mit Erhalt des begehrten Objekts dieses mit einem triumphierenden Blick Richtung Papa auf den Boden zu pfeffern. Gemeinsames Essen am Familientisch war auch schonmal spaßiger. Aber es gehört nunmal so einiges zu der Entwicklung eines Kindes, das nur halb so schön ist, wie die Windelwerbung es einem weismachen möchte. Nur halb.

Denn die andere Hälfte schaut so aus: plötzlich sagt der Windelpupser Mama und Tata und Lalala, er krabbelt und begreift immer mehr und das Elternherz geht vor Stolz auf und alles Hinpfeffern, Nicht-schlafen-lassen und Weinen-weil-Entwicklungsschub-und-Baby-möchte-nur-getragen-werden-und-zwar-von-der-Mama-höchstpersönlich-aber-nicht-mehr-in-der-Trage, jede ausgelaufene Windel und der daneben doch auch eintönige Alltag ist kurz vergessen. Tausend Mal von diesem Phänomen gehört, ja, aber gefühlt ist es eine Explosion verschiedenster Gefühle. Erschöpfung, Freude, Stolz, Verwirrung, Ahnungslosigkeit, Freude, Verwunderung, Überraschung und Enttäuschung, wenn das Kind viel zu früh wieder aus dem Nacht- oder Mittagsschlaf erwacht. Und was hat die Mama gemacht? Kurz das stille Örtchen aufgesucht, nach der Post geschaut, begonnen, das Essen zu kochen und zack, wach ist er.

Denn eigentlich wurde das sehr praktisch erdacht: die Schläfchen von Babies und Kindern sind zum Auftanken oder Sachenerledigen gemacht. Wenn mir nun jemand noch kurz verraten könnte, wie ich das Mamagedankenkarussel und den Haushaltsroboter in mir abschalten kann? Das wäre äußerst freundlich. In diesem Sinne bis zum nächsten Mal, denn da bin ich wohl schon wieder in Lohn und Brot, das Kind in der Krippe und der Mann gewöhnt es dort ein. Das wäre in vier Wochen. Bis dahin wird der Stillfixierte Sohn abgestillt, er schläft durch und wacht nicht alle anderthalb bis zwei Stunden auf, kann laufen und sprechen. Und bevor sich hier jemand der zahlreichen Leserinnen aufregt: das Kind ist inzwischen ein Jahr alt und wird diese Dinge alle sicher NICHT bis dahin lernen. Wooobei: vielleicht stillt er sich bis dahin selbst ab. Ha ha ha.

 

Friseurbesuch.

Ein großer Graben liegt zwischen der Zeit danach und der Zeit bis dahin. Wieviel Zeit genau dazwischen liegt, lässt sich nur erahnen. Babies kommen, dann wann sie wollen oder wann der Körper der Mutter es möchte oder wenn Vollmond ist. Aber sie kommen immer irgendwann. Die Kunst, den perfekten Zeitpunkt für den letzten Kino-, Frühstückdate zu zweit oder Friseurbesuch zu finden, beherrsche ich wohl. Schließlich habe ich die eben genannten Dinge schon geschafft, ohne dass ich mittendrin Mutter geworden wäre.

Zudem habe ich einem Friseur scheinbar einen Sinn für einen einsamen Abend geschenkt, ohne dass dies beabsichtigt gewesen wäre. Den neuen schwangeren Lebensabschnitt feierte ich mit einem Longbob, der mir außerordentlich gut steht. Er erfordert zwar auch mehr Arbeitsschritte, aber wenn das Baby da ist, habe ich ja massig Zeit (Ironie off).

Ich betrat relativ spontan um 19 Uhr den Friseurladen, bei dem es keine Termine zu vergeben gibt und wurde von einem männlichen Friseur begrüßt. Verloren stand er in dem Laden, kein anderer bei ihm und auch kein einziger Kunde weit und breit zu sehen. Die Chancen auf einen dringend benötigten Schnitt und Ansatztönung erhöhten sich rapide. Graue Haare am Ansatz können vielleicht noch gerade ertragen werden, aber da ich aktuell keine Schuhe mit Absatz trage und niedliche 1,58 m groß bin, begegnet es mir immer wieder, dass die Blicke größerer Gesprächspartner an den grauen Haaren hängen bleiben. Und ich bin eitel. Die Eitelkeit habe ich zwei Monate lang überwunden. Aber genug ist genug und wenn Baby erst einmal da ist, gibt es erstmal sicher keine entspannten Friseurbesuche mehr zum Ansatztönen.

Auf meine Frage, ob schneiden und tönen zeitlich drin wäre, antwortete der einsame Friseur erfreut „Aber ja!“ und machte sich sofort ans Werk.

Und er wusch, schnitt und schnitt und schnitt und schnitt, mischte die Farbe, tönte sorgfältig, wusch und pflegte und schnitt wieder. Eher wortkarg, was ich bei einem Friseur oft schätze, gab er sich seiner Arbeit hin. Die ersten anderthalb Stunden fand ich es noch entspannend, auch wenn es mich leicht beunruhigte, dass er Überstunden in Kauf zu nehmen schien. Aber da der Friseur schon erwachsen und somit groß zu sein schien, schob ich die Bedenken zur Seite. Was sollte ich auch tun? Mit halbem Schnitt nach Hause gehen? Die Tönung selbst in die Hand nehmen? Dann sprach ich ihn nach einem Blick auf mein Handy darauf an, dass er ja scheinbar länger arbeitete als er müsste. Schließlich hatte er inzwischen über eine Stunde Arbeitszeit drangehängt. Der Friseur murmelte etwas davon, dass er keine Familie habe, die auf ihn daheim warte und man müsse sich halt auch nach den Kunden richten. Ähmja. Okay, wenn ich mit meinen bescheidenen Haaren seinem Leben ein Stück mehr Sinn geben konnte – bitteschön, gern geschehen. Als das Werk dann vorzeigbar war, wurde er leicht nervös. Ja, ich hatte meinen Schnitt, wohlbemerkt einen Longbob, nachschneiden lassen wollen. Das, was sich auf meinem Kopf präsentierte, war ein klarer kurzer Bob. Da dieser mir wirklich gut stand und ich innerlich froh war, dass jemand mir endlich mal die Entscheidung für einen Kurzhaarschnitt abgenommen hat, war aus meiner Sicht alles gut. Der Friseur wollte den Schnitt aber nun perfekt haben und schnitzte, rasierte, schnibbelte und es wollte gar kein Ende mehr nehmen. Nach drei Anläufen, ihm klar zu machen, dass ich wirklich zufrieden bin, sagte ich resolut: okay, es ist halb zehn, ich muss nun gehen. Danke und auf Wiedersehen.

Vor so viel Entschiedenheit musste sogar der Perfektionist in dem Friseur in Ehrfucht erstarren und er ließ mich ziehen.

Und nun laufe ich mit einem wirklich perfekt geschnittenen Bob durch die Weltgeschichte und sammele Komplimente (auch von meinem Liebsten, den mein anmutiger nun sichtbarer Nacken sehr entzückt) ein. Das gefällt mir. Sobald das Baby da ist, wird dieser Bob mich über so manchen Frisurengpass retten. Ganz bestimmt.

Die verlorene Bloggerseele.

Einst schrieb ich regelmäßig in ein Hardcoverbuch mit Blümchen, in blau oder gemustert, ganz schnöde mit einem Kuli oder Füller. Es gab mehr oder weniger zu erzählen, aber das war auch egal, denn ich war die einzige Leserin meines Geschreibsels. Und dann kam das Internet in mein Leben und ich eröffnete 2004 meinen ersten Blog unter meinem echten Namen, mit Bildern und sehr persönlich, aber niemals ein Ersatz zu den Gedanken, die ich in der Abgeschiedenheit für meine eigenen Augen festhielt. Ich gehörte also mit zu der ersten Bloggergeneration, möchte ich mal behaupten.

Nach dem Internet kam mein Liebster in mein Leben, der meinen Blog erst einmal sehr hoch lobte und sogar seinen Freunden davon erzählte. Es wurde zu einem Wesen, das Neuigkeiten und Erlebnisse erzählte und wenn die Person dahinter sie erzählen wollte, wusste die halbe Menschheit schon längst davon. Mein Blog gedieh und wuchterte irgendwann vor sich hin. Wo war nur die Grenze zwischen realem und virtuellem Leben geblieben? Einige Jahre später kamen auch Zweifel vonseiten meines Liebsten, dass er doch auch nicht mehr so gern im Internet unter seinem echten Namen erscheinen würde. Dann kam ein verschmähter Verehrer dazu, der begann, mich über den Blog zu „stalken“ und mir wurde vollends das Ausmaß eines öffentlichen Internetlebens klar.  Zu spät – einmal losglassen, bleibt nur noch das Löschen, um etwas für die große breite Masse unsichtbar zu machen. Sehr schweren Herzens löschte ich mein Baby in seiner Gesamtheit (und bereue bis heute bitterlich, dass ich noch nicht einmal Teile davon für mich gespeichtert habe – wobei die bei den vielen Festplattencrashs sicher inzwischen ebenfalls verlorengegangen wären).

Das Tagebuchschreiben auf Papier ist gestorben, Tagebuchschreiben auf Wordpapier ohne dass es jemand liest, ist mir leider inzwischen zu wenig und meine Bloggerseele hat eine Blockade, der ich nicht auf den Grund gehen kann. Aber das Schreiben fehlt mir. Wenn der Drang danach zu stark wird, setze ich mich nieder, öffne den Unterpunkt „neuen Artikel erstellen“ und beginne im besten Falle gleich zu schreiben. Dann lese ich die ersten Sätze und frage mich unweigerlich, ob ich melancholisch bin. Ja, die melancholische Seite gehört zu mir, aber im Alltag kommt sie doch selten zu Tage. Wer mich kennenlernt, meint eine Optimistin und ungetrübte Gute-Laune-Seele zu treffen. Die ist auch zu großen Teilen vorhanden, aber das Melancholische ist verborgen da und kommt scheinbar nur beim Schreiben heraus. Das gefällt mir nicht, denn eigentlich möchte ich auch sagen „Hallo Leute, mir geht es hervorragend. Das Leben läuft und bietet mir nur ab und an einen vermeintlichen Stolperstein. Ich bin zufrieden- meistens- und wenn ich was habe, arbeite ich daran und kümmere mich darum. Ja, ich habe mich selbst im Großen und Ganzen endlich gefunden. Super! Toll! Jippieh. Schaut euch mein spannendes Leben an- hier sind die Bilder. Juhu.“ . Doch dann fließen pathetisch klingende Sätze, abgeklärte Phrasen und melancholische Spitzen aus mir heraus. Ich stehe am Scheideweg: akzeptieren und diese ganze Bloggergeschichte aufgeben oder das, was aus mir herauskommt, aufschreiben und der halben Menschheit präsentieren (Hallo, meine paar treuen Leserinnen!)?

Ich habe mich nicht entschieden. Und hoffe immernoch, meine verloren geglaubte Bloggerseele an der nächsten Straßenecke wiederzutreffen und sie herzlich in meine Arme schließen zu können. Bis dahin verspreche ich nichts und verliere die letzten paar Leserinnen. So ist das Leben.

Empfindlichkeiten.

Unser Freund ernährt sich seit acht Monaten vegan. Keine Milch, Butter, Eier, Frischkäse und natürlich kein Fleisch mehr. Gut, ein bisschen Umdenken beim Kochen ist okay und absolut machbar für mich. Und er bringt immer viel mit, was er essen könnte. Trotzdem schwingt immer, ohne dass er predigen würde, ein Vorwurf mit. Ich esse besser als ihr. Womöglich bilde ich es mir auch ein. Ganz bestimmt bilde ich mir das ein. Dennoch fühlte ich mich in diesem zarten Empfinden sehr bestätigt, nachdem er anfing, meinen Körperumfang anzusprechen.

Wir sitzen zu fünft beisammen- seit vier Tagen haben wir Besuch von drei jungen Männern, die in unserem Durchgangszimmer schlafen und dementsprechend groß ist inzwischen mein Wunsch nach dem Alleinsein. Nervige Angewohnheiten stechen zusehends mehr hervor und werden zu Bergen, wenn man viel Zeit miteinander verbringen muss.

Dieser Freund sitzt nach dem Essen am Tisch und sagt: „Vor anderthalb Jahren habe ich euch besucht, da hattet ihr total abgenommen.“. Ja, sage ich, wir hätten uns abends Kohlenhydratfrei ernährt. Das sei aber eingeschlafen, weil es durch einen Jobwechsel meinerseits herausfordernder geworden sei, abends ohne Kohlenhydrate zu kochen und den späten und langen Heimweg ohne etwas zu essen zu überstehen. Dass es meistens Brötchen, Brot oder anderes Gebäck gewesen sei, habe etwas mit der Verfügbarkeit von Lebensmitteln auf dem Weg und Bequemlichkeit zu tun gehabt. Ich erkläre und entschuldige mich inzwischen für etwas, das ihn überhaupt nichts angeht. Mein Liebster allerdings sei sehr im Stress und da würde er zunehmen (aber ihn verletzt es auch nicht, wenn jemand zu ihm sagt, er habe zugenommen). Er bohrt weiter nach und bringt dann den krönenden Abschlussatz: „Und als ich euch dann wieder besucht habe, hattet ihr beide ganz schön zugenommen.“. Erstmal nur eine Feststellung. Und doch eine Sache, die man mir gegenüber nicht erwähnen darf. Ich ziehe mich aus dem aufgezwungenen Gespräch zurück, endlich merkt er das auch und fragt leicht verunsichert: „Das darf man doch sagen, oder? Vielleicht hat der Andere das nicht gemerkt und man macht ihn darauf aufmerksam? Oder was meinst du, Symphonee?“ Ich antworte, dass jeder normale Mensch merkt, wenn er zugenommen hat und es nicht gesagt bekommen möchte, stehe auf und gehe weg.

Ich bin ehrlich verletzt und weiß selbst, dass es kaum einen Grund gibt, es zu sein. Ja, ich habe einige Kilogramm zugenommen und ich weiß das ganz genau. Ich fühle mich nicht gerade wohler als zuvor, aber ich sehe normal aus, leide nicht unter Adipositas und habe nur wenig Übergewicht. Und auch wenn dies alles zutreffen würde, müsste man mir das doch nicht sagen, oder? Ich fühle mich als „schlechtere Frau“ und hässlich, nur weil ich zugenommen habe? Was stimmt nicht mit mir? Und wieso geht es vielen Frauen so?

Bis jetzt bohrt in mir das, was er ausgesprochen und ich schon länger gedacht und gewusst habe. Mag sein, dass ich nicht ganz so im Einklang mit mir selbst bin, wie ich vorgebe, zu sein. Mein Liebster sagt immer wieder, dass der Schlüssel darin liegt, sich selbst zu lieben und zwar so wie man ist. Wenn das denn so leicht wäre..

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Erstes Fazit nach vier Tagen.

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Ein herausragend wertschätzender Mensch kann einen besonders wenig wertschätzenden Menschen überdecken. Das ist das Erste, was ich bei meiner neuen Stelle gelernt habe. Die Wertschätzung in Person arbeitet nicht da, wo ich bin und ich werde von einem Relikt eingearbeitet, das eine Mischung aus schlechter Erfahrung, Angst vor Kontrollverlust und Frauen besteht.* Das heißt nicht, dass der ältere Herr nicht auch gute Seiten hätte, aber meine Erwartungen an das Team aufgrund meines Gesprächs sind doch sehr erschüttert. Das Team besteht noch aus einem eher zurückgezogenen jungen Mann, der freiwillig kaum ein Wort mit mir wechselt, einer mittelalten Dame, die sich nach meiner Ankunft krankgemeldet hat, einer lieben Hauswirtschafterin, die offensichtlich vom Relikt genervt ist und einer Honorarkraft, die selten da ist, aber die ich sympathisch finde. Gruppendynamiken interessieren mich und sind mir in der ersten Zeit inzwischen wichtiger als die Arbeit an sich. Aufgrund einer schlechten Erfahrung versuche ich mich so gut es geht zu schützen, um nie wieder unter die Räder irgendeines geltungssüchtigen Menschen zu kommen.

Mein Gefühl für die anstehende Arbeit ist jedoch ausgesprochen gut. Wertschätzung ist bei der Arbeit mit Menschen, die noch so gut wie nie im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen durften, von enormer Wichtigkeit. Ich habe viele Freiheiten, bin für fünf TeilnehmerInnen zuständig und habe für meine ersten vier Tage vieles schnell übernehmen können. Mein Anerkennungsjahr hat mich gefühlsmäßig weit gebracht. Und als Berufsanfängerin sprühe ich vor Enthusiasmus und Hoffnung. Ich finde, das muss es geben- dafür sind junge Kolleginnen gut.

Nichtsdestotrotz nehme ich weitere Vorstellungsgespräche wahr. Ein Grund dafür ist schon die Befristung, obwohl die sehr wahrscheinlich um eine weitere Befristung verlängert wird. Bildungsträger stellen immer befristet ein. Irgendwie fühlt sich der Bereich für mich nicht wirklich „angekommen“ an. Ich warte jedoch ab, versuche das Eine oder das Andere und gebe sowieso mein Bestes.

* Am ersten Tag erzählte er mir seine langjährige Mobbinggeschichte, die ihn krank und bitter gemacht hat. Das tut mir wirklich im Herzen weh, aber leider hat dieser Mensch meiner Ansicht nach einige destruktive Strukturen übernommen- wenn er sie nicht schon vorher an den Tag gelegt hatte..

Dumm telefoniert.

 

Nach diesem Telefongespräch hätte ich an des Callcentersfrau Stelle wohl auch den Kopf geschüttelt. Ich gebe zu: ich habe nicht verstanden, wieso man mir eine Zahlungserinnerung schickt, während ich mein überschüssiges Guthaben verbrate und als ich dann anrufe, mir erzählt, ich hätte nun schon für das restliche Jahr alles beglichen. Häää? Frau Symphonee, der Dezember ist beitragsfrei für Sie. Achja? Seit wann das denn? Und was ist mit dem September? Der war doch Guthabenüberschussmäßig auch schon beitragsfrei? Nach der vierten offensichtlich unverstandenen Frage meinerseits war klar, dass ich für 2012 keine Energiekosten mehr einplanen muss. Und wehe, wehe, wenn ich wieder eine total logische Zahlungserinnerung bekommen sollte.

Dennoch fühle ich mich grad dumm.

Vielleicht bedeutet „bezahlen im September“ aber auch nur „Beitrag für Oktober entrichten“? und wir haben in netter Manier aneinander vorbeigeredet?

Ich kriege hier trotzdem ne Krise.

 

 

Wenn es klick macht.

Im Rückblick auf meine Schulzeit kommen ganz verschiedene Gefühle in mir hoch. Meine Freunde hinterlassen ein schönes Gefühl, die mündliche Beteiligung, die ich damals nicht liefern konnte, einen großen Druck, die Leute, die das Sagen hatten und angesagt waren ein nachträgliches Fragezeichen, warum ich nicht dazugehört hatte. Ich befand mich im wohligen Mittelfeld, tat aber, was ich konnte, um ein bisschen weiter vorn mitschwimmen zu können.Scheinbar jedoch nie genug, jedenfalls fühlte es sich stets sehr falsch an, wenn ich dann mal einen Ausflug in die andere Welt machte.

Gestern: Geburtstag einer ehemaligen Klassenkameradin, die weiter vorn mitschwimmen hatte dürfen, können, wollen? Und die Hälfte der damaligen Tonansager befand sich ebenfalls dort.

Ich landete in deren Ecke. Eine Psychologin, die mir bei jeglicher Unterhaltung kein Mal in die Augen schaute, sich über ihre Patienten böse ausließ und mir Tipps für Empathie von 9 bis 17 Uhr gab. Gegen Müdigkeit helfe kein Kaffee, sondern chemische Präparate, je mehr Chemie desto besser. [Ich hoffe, ich gerate nie an eine solche Psychologin, wenn es mir jemals richtig dreckig gehen sollte].

Eine Wirtschaftswissenschaftlerin, die früher jeglichen Unterricht geschmissen hatte, und nun schwanger und müde auf dem Sofa saß. Die fand ich noch sympathisch, auch wenn wir uns mehr als die Hälfte der Zeit anschwiegen. Ich fühlte mich bei jedem zweiten Satz missverstanden, als wenn wir nur eine halbe gemeinsame Sprache sprächen.

Ein Jurist, der noch der offenste und freundlichste in der Runde war, aber mit dem ich auch keine Interessen teilte. Dafür ein paar verrückte Erinnerungen, die von den anderen beiden mit starren Mienen angehört wurden, während wir darüber lachten.

Fehl am Platz.

Nach langen anderthalb Stunden floh ich aus dieser Ecke und verstand zum ersten Mal, wieso ich nie das Gefühl hatte, hinein zu passen. Ja, ich war sicherlich in manchen Dingen eine Spätzünderin und nicht so up-to-date wie die eine oder andere, aber ich hatte mit meinen zwei besten Freundinnen etwas, was ich an den anderen in dem Maße vermisste. Jede Menge Verrücktheit und Kreativität, soziale Wärme und den Mut, jünger eingeschätzt zu werden als wir waren.

Ich sage nicht, dass alle anderen doof und langweilig waren, aber gemessen an dem, was uns interessierte und was wir miteinander auf die Beine stellten, waren wir den anderen mindestens genauso fremd wie sie uns.

Das kristallisierte sich gestern sehr klar heraus. Ein paar anteilnahmslos und kühl gestellte Fragen, höflich, aber kaum mal ein bisschen witzigeren Smalltalk beinhaltend und ich hatte die Antwort auf nie beantwortete Fragen. Es hat nie gepasst.

An der anderen Seite des Raumes lernten wir ein ausgesprochen freundliches junges Paar kennen. Sie ist eine junge Lehrerin, bei der ich nach zwei Sätzen über ihre Arbeit anhörte, was Empathie wirklich ausmacht. Es ist nichts, was man an- und ausknippsen kann. [Obwohl ich mir manchmal wünschte, es zu können.]

Klick.

 

Selbst schuld.

Wer seine Nummer für weitere Fragen in der Stellenausschreibung angibt, sollte auch mit solchen Fragen rechnen. Wer mit weiteren Fragen nicht umgehen kann, sollte weiter so unfreundlich am Telefon sein.

Guter erster Eindruck.

Das Bittere dabei ist aber, dass der Beantworter eventuell gar nicht nett sein muss, um jemanden zu finden. Dank zweier sehr nah beieinanderliegender Hochschulen, die jährlich eine gewisse Zahl sozialer Fachmenschen ausspucken, ist die Dichte der Arbeitssuchenden in diesem Bereich nicht unübersichtlich, aber gut gefüllt.

Ich überlege noch, ob ich mich bewerben möchte. Ich mag nämlich lieber freundliche Kollegen.

Neue Woche mit voraussagbaren schwierigen Tagen- und das jährlich wiederkommend im November. Ich würde gern einige Tage überspringen.

 

Ernüchternde Landung.

Tief in meinem Herzen tanzen große und kleine Ängste ihren Reigentanz, schlagen auf den Magen, lassen mich hibbelig werden und ohne Punkt und Komma reden. Unsichere Situationen und mein eigener Erwatungsdruck lassen den Schutzschild sinken und schon tanzen sie nicht nur im Herzen, sondern toben durch meinen ganzen Körper.

Doch manchmal bin ich plötzlich mutig und bewerbe mich als Personaltante bei einem Unternehmen, das soziale Anstriche zeigt und eine überzeugende Internetpräsenz aufweist.

Einen Tag später werde ich tatsächlich eingeladen, um daraufhin eine Woche zu überlegen, wie ich mich auf das Gespräch vorbereiten sollte. Möglicherweise wird man mich bitten, ein Einstellungsgespräch nachzuspielen? In jedem Fall weiß ich alles über das Unternehmen, über mich und kann meinen Quereinstieg logisch erklären.
Ich hätte es mir sparen können.

Der äußere Eindruck war unaufgeräumt und von Kommen und Gehen geprägt. Ich mag lebendige Arbeitspätze. Gut. Zwischendrin sprechen die Mitarbeiter miteinander polnisch. Ich verstehe ein bisschen polnisch, aber höflich ist das nicht. Ich muss fünfzehn Minuten warten, um dann zwei Etagen höher wieder warten zu dürfen. Währenddessen läuft ein rauchender Mitarbeiter durch den Flur. Ein mittelalter Mann schlurft auf mich zu, nennt meinen Namen, gibt mir jedoch nicht die Hand und beginnt einen Raum für das Gespräch zu suchen. Wir landen in einem verlassenden, nach Zigarettenrauch stinkenden Raum und setzen uns. Der Akzent des Geschäftsführers ist vorherrschend, er fordert mich auf, etwas über mich zu erzählen. Er gähnt dabei. Entweder hat er zu wenig Schlaf bekommen oder er steht unter Medikamenteneinfluss. Seine Augen wirken nicht ganz wach und seine schleppende Art zu reden irritiert mich.

Wollen Sie Kinder? Schon 2013? Können wir nicht gebrauchen. Das sei ein harter Job. Ohne Feierabend. Immer Bereitschaft. Zuständig für viele Mitarbeiter- allzuständig für viele Mitarbeiter.

Ich bin erleichtert. Das Unwohlsein wurde mit jeder Minute größer und die Bedingungen eines „harten Jobs“ halten mich ab, zusagen zu müssen. Nein, ich brauche Feierabende und Freizeit. Das Leben an sich gefällt mir. Ich sage ab und trete erleichtert in die Freiheit.

Nunja. Zumindest für dreißig Minuten. Anschließend darf ich Autofahrenüben. Und das ist der Start für eine weitere Folge von „Symphonee setzt sich erfolgreich unter Druck“. Tadaaaa. Ich hätte mir nach dem Gespräch freinehmen sollen.

Nun kommt ihr ins Spiel: erzählt mir, dass ihr gebraucht habt, um alles beim Fahren unter einen Hut zu bringen und dass es normal war und dass ihr auch mal Angst hattet und dass ihr trotzdem irgendwann die Prüfung geschafft habt. ERMUTIGUNG!

Schoisfreundlich.

Ich hatte die Theoriestunde schwänzen wollen. Die Sonne schien, es war warm und ich hatte in drei Tagen schon fünf Stunden hinter mich gebracht. Aber mein Liebster Pflichtgefühl drängte mich zu gehen. Hätte ich bloß auf den inneren Schweinehund gehört.

Keine andere Schülerin außer mir saß im Raum und den hereinwatschelnden Lehrer kannte ich nicht. Zehn Minuten nach Beginn setzte er sich, seufzte tief auf und beschwerte sich über seinen Tag. Ich stellte nur kurz die Höflichkeitsfrage „So schlimm?“ und der Damm war gebrochen. Er beschwerte sich über unfreiwillige Maßnahmenteilnehmer, die alle Kosten für die Fahrerlaubnis bezahlt bekämen. Dann speziell über eine junge Frau, deren Fehltritte er bis ins Detail beschrieb und seufzte dabei immer wieder tief auf. Ich antwortete spärlich, schaute auf das gebeamte Bild, räusperte mich, aber er blieb bei seiner ausführlichen Erzählung. Ich schaute irgendwann auf die Uhr und wies ihn endlich darauf hin, dass wir nur noch 45 Minuten für den Unterricht hätten. Er sah ein bisschen beleidigt aus, aber begann dann doch pflichtbewusst und abschweifend zu erklären.

Ich hätte mir diese Stunde inhaltlich komplett sparen können. Wenigstens ist Thema Nummer acht nun gegessen. Und dennoch: warum, um Himmelswillen, bleibe ich so nett? Seine Beschwerden waren langatmig und fehl am Platz, aber ich kann mein freundliches Lächeln nur sparsamer schalten. Bis ich wütend werde, muss soviel mehr geschehen. Außerdem befürchte ich einen Nachteil. Die meisten großen Meckerer vor dem Herrn sehen bei anderen geringe Kritikfähigkeit, können selbst mit diesen Dingen aber auch kaum angemessen umgehen. Darum schweige ich. Ich Feigling, ich weiß.

Irgendwie denke ich zuviel nach: vorher, dabei und nachher. Dazwischen übrigens ebenfalls und mittendrin auch.

Das Beste ist aber, dass er zum Abschluss meinte, dass es schön gewesen wäre, eine so nette Schülerin gehabt zu haben. Und was erwidere ich? Ja, ich fands auch gut. Einmal fett gelogen. Ich hätte ja wenigstens schweigen können. Nein, diese Sachen kommen automatisch aus mir heraus, als wenn sie programmiert wären. Freundlich, unauffällig und wenn, dann nur positiv auffallen.

Schoisfreundlich.