Halbträume.

Der Wunsch, das erste und letzte Mal bevor eventuell der eigene Nachwuchs auf der Matte steht, einen 6-monatigen Aufenthalt in einem anderen europäischen Land zu wagen, lässt mich nicht los. Er verfolgt mich, ich finde Jobs, entwerfe mein Leben in einer anderen Stadt, allein. Kann ich das? Ohne meinen Liebsten, der nur für Besuche rüberkäme? Neben den vielen kleinen Ängsten, die das Materielle betreffen, die Einsamkeit und die Sprachherausforderung ließe die Befürchtung mich nicht los, dass man sich in sechs Monaten auseinander entwickeln kann. Sehr diffus, diese Angst, aber durch viele Ratgeber geschürt.

 

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Risikofreudig.

Er liebt die Kontrolle. Mach dies, tu das, höre ich häufig von ihm. Spielen wir gemeinsam gegeneinander, werden meine Rechte zugunsten seines Spiels eingeschränkt, so dass er in jedem Fall gewinnen kann. In lispelnder Sprache gibt er Anweisungen, tut seine Meinung kund und seit ich ihm Gefühle, wie diese schwelende Wut in ihm ausdrücklich „erlaubt“ habe, boxt er liebend gern.

Der kleine Nils ist durchaus in der Lage, Teenagermädchen an der Bushaltestelle zu erzählen, dass er ihre Schuhe hässlich findet, ohne mit der Wimper zu zucken, aber ohne Mama traut er sich nicht die Straße allein zur Schule runter. Er lächelt selten, kann viele Menschen nicht leiden, doch wenn er sich an jemanden gewöhnt hat (von Vorteil ist, keine Leistung von ihm zu fordern), ist er treu an seiner Seite. Man kann sich denken, dass die Schule nicht sein liebster Platz ist, dort wird viel von ihm verlangt, dabei träumt er doch so gern und ist zuweilen quälend langsam. Immer wieder rührt mich sein unvermittelter Charme und ich weiß nicht, ob ich lachen oder innerlich ein bisschen darüber weinen soll.

Nils sucht sich am liebsten ausgerechnet Risiko aus, um gewinnend durch die Landen zu ziehen. Ich darf ein paar Steinchen platzieren und muss ihm ansonsten gefälligst zusehen. Manchmal streifen mir Gedanken durch den Kopf, die ich dann in Form von Worten äußere:

Wann hast du eigentlich Geburtstag? Er schweigt. Einmal sagte er zu mir: Du hast die schwere Last, mir Fragen stellen zu müssen. Und da hat der Junge teilweise recht- wobei ich das großartige Fragen inzwischen eingestellt habe. Ich wiederhole meine Frage. Nils, wann hast du eigentlich Geburtstag? –Welchen Monat haben wir heute? fragt er zurück. Juli. – Dann habe ich am 26. Geburtstag. Er wird acht Jahre alt. Feierst du? Stille. Nachdem er Südamerika eingenommen und meine Steinchen ohne Gnade in den Ozean geschoben hat, antwortet er entrüstet: Wieso? Glaubst du, dass ich dich dann einlade!? Ich lache auf, was seinen ernsten Gesichtsausdruck jedoch in keinster Weise beeindruckt. Nein, natürlich feierst du mit deiner Familie und deinen Freunden. – Ich habe keine Freunde, die grimmige Antwort. Aaaaber das wird besser werden, schließt er mit brummiger Entschlossenheit unseren Dialog ab.

Und wenn Nils etwas beendet, gibt es keine weiteren Äußerungen mehr.

 

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Ausgesetzt, aber mit Zuneigung versehen.

Sie hat uns Kekse und Chips mitgebracht. Ein kleiner Dank von ihr dafür, dass ich immer etwas Kleines für sie da habe. Es fällt ihr schwer, mit Worten zu danken, aber diese kleine Geste berührt mein Herz.

Oft fragt sie mich in letzter Zeit, wie gern ich sie habe. So sehr wie meinen Liebsten? Wen würde ich mehr mögen: sie oder das Mädchen, das nach ihr zu mir kommt? Sie schluckt Bestätigung und Wärme wie eine in der Wüste halb Verdurstete.

An diesem Tag beschäftigt sie neben den Keksen die Frage, ob ich für immer an diesem Ort bleiben werde. Ich erkläre, dass ich bis Ende September da bin. Trotzig erkundigt sie sich danach, wer dann mit ihr die Stunden verbringt, um gleich danach hinzuzufügen, dass sie zu niemand Anderem wolle. Ich verstehe. Beziehungsaufbau ist gelungen.. und es wird auch für mich schwer werden, sie einfach so zurückzulassen.

Nach der Stunde nimmt sie eine Babypuppe aus unseren Räumen, setzt diese ins Treppenhaus, mit dem Rücken zur Treppe und einem Ausblick auf die Straße, versorgt mit einem Milchfläschen.

Als ich sie eine Woche später darauf anspreche, ist es ihr unangenehm: die Puppe sei so hässlich gewesen, dass sie es nicht habe aushalten können und sie darum auf den Boden geschmissen habe. Gleich darauf beginnt sie, mit einem Edding herumzufuchteln, sie schafft es immer wieder, eine frisch gestrichene Wand anzumalen (Nagellackentferner wirkt Wunder), ein Spiel dreimal hintereinander fallen zu lassen und weiß genau, wie sie meine Aufmerksamkeit von brisanten Themen auf gefährdete Dinge ablenken kann.

Beständige, annehmende Beziehung mit einer guten Prise Grenzen kann Hügelchen versetzen. Was jedoch nicht bedeutet, dass man ab und an einen Sack Flöhe zu hüten scheint. Einen Sack Flöhe, den man sehr gern hat.

 

Angstfrei.

Sie hat es alles andere als einfach. So wenig wie die vielen Kinder, die die gescheiterten Lebensverbindungen ihrer Eltern durchstehen müssen und im schlimmsten Fall noch ihre Streitereien, die sich jahrelang hinziehen.

Feinfühlig für die Stimmungen anderer, jedoch alles andere als sensibel, wenn es darum geht, die gute Mitte im Umgang mit ihnen zu finden, ist sie vorangig einsam, vorangetrieben von einer ehrgeizigen jungen Mutter, die gerade lernt, geschickt mit ihrer Tochter umzugehen.

Während die ersten vier Monate unserer Beziehung von Machtkämpfen bestimmt waren, Hoch und Tiefs durchstanden, durch schmerzhafte Grenzerfahrungen vor allem für mich gingen, erwarb ich mir eine Haltung. Eine dieser Dinge, die man weder theoretisch lernen noch aus dem Lehrbuch anwenden kann, sondern die man sich erarbeitet. Stein für Stein.

Man mag es kaum glauben, aber ich würde gern an einer Schule arbeiten. Oder gezielt mit Kindern, denen es an Zuwendung, Richtung und Grenzen mangelt. Tatsächlich- mit Kindern und Jugendlichen.

Und heute habe ich versucht, für sie zu zaubern, die Traurigkeit und am besten ihre Ursache wegzuzaubern, stattdessen kam ein Körbchen Äpfel dabei raus, ein Teller selbstgekochter Milchreis und zwanzig Minuten in einer von mir geschaukelten Hängematte. Ein guter Deal für sie, der mir mit „vor Lachen das Wasser ausspucken müssen“ gedankt wurde. Und ein perfekter Tausch für mich.

Danke für den Kampf um die Haltung mit mir.

 

 

Von Bedeutung.

Je mehr Selfmade-Blogs ich lese, desto genauer weiß ich, was ich besser nicht in meinen Balkon-Kräuter-und-Gemüse-Kasten gesetzt hätte. Die Pfefferminze scheint eine gierige Zeitgenossin zu sein. Hätte ich ein aktuelleres Bild für euch (also anderthalb Wochen später geschossen), würdet der Basilikum sich ergeben in seine Ecke verkrochen haben, um der Minze die Vorherrschaft zu lassen.

Doch mein Liebling ist die Tomate, die unter den schwierigsten Bedingungen aufwachsen muss. Nicht genug, dass es sie auf einen Schattenbalkon verschlagen hat, nein, dann muss es kurz nach ihrer Migration auch noch um fünfzehn Grad kälter werden. Außerdem spielt der kräftige Wind ihr übel mit, einmal musste sie eine ganze Nacht am Boden liegen, weil sie von ihrer Halterung losgerissen worden war.

Dafür wurde sie anschließend liebevoll aufgehoben und ihr ist über die Blätter gestrichen worden. Sie darf wissen: sogar, wenn sie keine Blüten bekommen sollte und keine einzige Tomate von ihr gepflückt werden kann, sie wird doch immer die erste eigens gepflanzte Tomate gewesen sein, die auf meinem ersten eigenen Balkon wachsen durfte.

Dazu ist sie ein Geschenk von meinem Vater an mich: ein kleines liebes Zeichen von ihm trotz vieler kleiner Steinchen auf unserem Beziehungsweg.

Bestens erklärt.

 

Bevor ich sie begrüßen kann, erklärt sie mir, dass sie nur wegen dieser Creme ein blaues Auge hat. Sie habe sie aufgetragen und dann nicht mehr abbekommen und dann gerieben, gerieben, gerieben.. Aha, sage ich und schon brökelt ihre Wand. Außerdem habe sie sich geschlagen. Mit der dünnen Envin. Nicht mit der dicken. Mit der Bohnenstange. Die hat Geheimnisse rumerzählt und ihre Familie beschimpft. Also hat sie sie geschlagen. Und die ganze Schule hat sie angefeuert. Weil alle Envin hassen.

Aber am blauen Auge ist die Creme schuld. Und sie will nicht über Envin reden. Sie tut es doch, während sie minutenlang ein zu erratendes Bild des Spiels „Wer ist es?“ heraussucht und sich wahrlich schwer damit tut.

Zum Schluss malt sie noch ein Bild von mir. Und obwohl sie immer wieder androht, mich dick zu malen, krumm oder kindisch, wird es am Ende eine junge, hübsche Frau, die lächelt. Im Grunde genommen ist sie erst zwölfundhalb und ich ein bisschen ihre große Schwester, ein bisschen mütterlich, ein bisschen therapeutisch und ganz oft nervig, wenn man ihren Worten glauben will. Und doch würde sie am liebsten dreimal wöchentlich kommen als nur die eine Stunde am Montag. Man hört besser nicht nur die Worte.

Die Geschichte mit der Creme werde ich ihr dennoch wieder unter die Nase reiben. Und dann werden wir ein bisschen zusammen darüber lachen.