Empfindlichkeiten.

Unser Freund ernährt sich seit acht Monaten vegan. Keine Milch, Butter, Eier, Frischkäse und natürlich kein Fleisch mehr. Gut, ein bisschen Umdenken beim Kochen ist okay und absolut machbar für mich. Und er bringt immer viel mit, was er essen könnte. Trotzdem schwingt immer, ohne dass er predigen würde, ein Vorwurf mit. Ich esse besser als ihr. Womöglich bilde ich es mir auch ein. Ganz bestimmt bilde ich mir das ein. Dennoch fühlte ich mich in diesem zarten Empfinden sehr bestätigt, nachdem er anfing, meinen Körperumfang anzusprechen.

Wir sitzen zu fünft beisammen- seit vier Tagen haben wir Besuch von drei jungen Männern, die in unserem Durchgangszimmer schlafen und dementsprechend groß ist inzwischen mein Wunsch nach dem Alleinsein. Nervige Angewohnheiten stechen zusehends mehr hervor und werden zu Bergen, wenn man viel Zeit miteinander verbringen muss.

Dieser Freund sitzt nach dem Essen am Tisch und sagt: „Vor anderthalb Jahren habe ich euch besucht, da hattet ihr total abgenommen.“. Ja, sage ich, wir hätten uns abends Kohlenhydratfrei ernährt. Das sei aber eingeschlafen, weil es durch einen Jobwechsel meinerseits herausfordernder geworden sei, abends ohne Kohlenhydrate zu kochen und den späten und langen Heimweg ohne etwas zu essen zu überstehen. Dass es meistens Brötchen, Brot oder anderes Gebäck gewesen sei, habe etwas mit der Verfügbarkeit von Lebensmitteln auf dem Weg und Bequemlichkeit zu tun gehabt. Ich erkläre und entschuldige mich inzwischen für etwas, das ihn überhaupt nichts angeht. Mein Liebster allerdings sei sehr im Stress und da würde er zunehmen (aber ihn verletzt es auch nicht, wenn jemand zu ihm sagt, er habe zugenommen). Er bohrt weiter nach und bringt dann den krönenden Abschlussatz: „Und als ich euch dann wieder besucht habe, hattet ihr beide ganz schön zugenommen.“. Erstmal nur eine Feststellung. Und doch eine Sache, die man mir gegenüber nicht erwähnen darf. Ich ziehe mich aus dem aufgezwungenen Gespräch zurück, endlich merkt er das auch und fragt leicht verunsichert: „Das darf man doch sagen, oder? Vielleicht hat der Andere das nicht gemerkt und man macht ihn darauf aufmerksam? Oder was meinst du, Symphonee?“ Ich antworte, dass jeder normale Mensch merkt, wenn er zugenommen hat und es nicht gesagt bekommen möchte, stehe auf und gehe weg.

Ich bin ehrlich verletzt und weiß selbst, dass es kaum einen Grund gibt, es zu sein. Ja, ich habe einige Kilogramm zugenommen und ich weiß das ganz genau. Ich fühle mich nicht gerade wohler als zuvor, aber ich sehe normal aus, leide nicht unter Adipositas und habe nur wenig Übergewicht. Und auch wenn dies alles zutreffen würde, müsste man mir das doch nicht sagen, oder? Ich fühle mich als „schlechtere Frau“ und hässlich, nur weil ich zugenommen habe? Was stimmt nicht mit mir? Und wieso geht es vielen Frauen so?

Bis jetzt bohrt in mir das, was er ausgesprochen und ich schon länger gedacht und gewusst habe. Mag sein, dass ich nicht ganz so im Einklang mit mir selbst bin, wie ich vorgebe, zu sein. Mein Liebster sagt immer wieder, dass der Schlüssel darin liegt, sich selbst zu lieben und zwar so wie man ist. Wenn das denn so leicht wäre..

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6 Kommentare zu “Empfindlichkeiten.

  1. Hallo Symphonee,

    ich glaube nicht, dass du dir den erhobenen Zeigefinger ausgedacht hast. Veggies neigen wirklich dazu, anderen ihre „moralische Überlegenheit“ überzustülpen, was natürlich totaler Schwachsinn ist, sie sind moralisch nicht überlege, weil sie der Welt durch ihren erhöhten Gemüse und Getreideverzehr anders schaden, aber genauso stark [das erklär‘ ich vielleicht einmal später]. Sie verzichten auf Tierprodukte, aber das, was sie immer noch massenkonsumieren, darunter sterben auch viele Millionen Tiere im Jahr, fruchtbare Böden werden zerstört, Wälder abgeholzt und für die Verarbeitung von Soja wird ungefähr soviel Energie verbraucht wie die Verarbeitung von Fleisch.

    Ich persönlich kenne keinen Veggie, der besonders gesund aussieht oder seine Ernährung nicht mit Präparaten aufstocken muss, damit nach jahrelanger Mangelernährung [denn das ist es nun einmal, vor allem, was essentielle Folsäure, alle Vitamin Bs, Eisen, Zink etc. angeht] kompensiert wird. Ständig muss etwas ersetzt werden, ständig sind sie krank, manchmal neigen sie dazu, einfach nur Kohlenhydrate in sich reinzustopfen, weil vegan kochen eben dauert, Geld und Zeit kostet und gerade nicht in den Alltag passt. Bitte mach‘ dir keinen Kopf!

    Was uns eher etwas dicker macht sind, wie du schon erwähntest, die Kohlenhydrate. Und ich habe dich ja auf deinen Fotos gesehen: du bist ganz normalgewichtig. Eine schöne, wohlgeformte [Taille, Hüften, Beine, alles!] junge Frau, die nicht ausgedörrt aussieht und der, wenn sie Jeans oder ein Kleid anzieht, nicht die weiblichen Formen flöten gehen. Glaub‘ mir, ich habe einen Blick für Schönheit. Lass dich nicht verletzen.

    Falls du in Zukunft mehr mit der Person zu tun haben wirst, kann ich dir ein Buch empfehlen, das ich gerade lese. Ich bin mir sicher, dass er immer wieder mal auf eure Ernährung schießen und sich dabei unglaublich überlegen vorkommen wird. Aber lies das mal, dann kannst du ihm unter die Nase reiben, dass er die Welt trotzdem nicht rettet durch seinen Veganismus, im Gegenteil: beides ist gleich scheiße, man muss ganz aus dem System der Lebensmittelindustrie raus. Das Buch heißt „Fleisch essen. Tiere lieben.“ von Theresa Bäuerlein. Da werden dir einige Zusammenhänge klar, mit denen sich Veganer kaum beschäftigen.

    Bis bald … ❤

    • Danke für deine warme Antwort, sie hat mir gut getan. Grundsätzlich nehme ich mich auch als normale Frau mit Rundungen wahr. Aber der Druck, abnehmen zu müssen, sitzt dennoch ständig in meinem Nacken (was ich oftmals sehr schade finde, denn damit nimmt man sich ein großes Stück Lebensqualität). Ich habe übrigens Übergewicht- es verteilt sich nur sehr vorteilhaft 😀 Inzwischen hat sich der Typ entschuldigt. Ich war froh, diese Geschichte hinter mir lassen zu können, denn ich konnte meine (über-)Reaktion gar nicht rational erklären.

      Ich werde das Buch unbedingt lesen, denn wir haben immer mal wieder mit ihm zu tun und werden sicher irgendwann ins Diskutieren kommen! Nachdem er nun mehr als ein halbes Jahr dabei ist, wird er meiner Meinung nach, immer hohlwangiger. Mal sehen, wie lange er das durchhält.

      Mein eigener Wunschtraum allerdings ist ein Bauernhof nah an meinem Heim, der alles frisch bietet, was ich esse- Fleisch, Gemüse, Obst, Kohlenhydrate 🙂

      Bist du immernoch so fleißig beim Trainieren und geplant Essen?

  2. P.S.: Die Frau ist selbst Veggie gewesen, über 10 Jahre lang … Und sie kritisiert auch stark die Massentierhaltung. So ist es nicht. Sie zeigt nur auf, warum Veganismus nicht die Lösung ist und dass wir woanders ansetzen müssen.

    • Ich fürchte, dass die Erde sehr bevölkert ist und es immer schwieriger wird, alle Menschen „gesund und nachhaltig“ zu versorgen. Aber unmöglich ist es nicht (Veganismus sehe ich aber eher als persönliche Essensentscheidung, denn als einen realitischen Rettungsplan).

  3. Umgehender Rausschmiss!!! 😉 Ich finde nicht, dass Veganer besser essen, als wir, denn diese Ernährung ist aus meiner Sicht nicht besonders klug. Tierisch verwertbare Eiweiße sind z.B. besser verwertbar, als pflanzliche. Das ist einfach so, da kann man jeden ernstzunehmenden Ernährungswissenschaftler fragen. Vegetarische Ernärhung kann ich noch verkraften, wobei ich auch die nicht besonders toll finde, denn Fisch und Fleisch in Maßen braucht der Körper aus meiner Sicht. Von daher, lass Dich da nicht ärgern. Seit ich neulich eine Fortbildung in Mikronährstoffen gemacht habe, denke ich ganz anders über das Thema Essen. Es geht nämlich vor allem darum, vielfältig zu essen. Und geringes Übergewicht ist immer noch besser, als Untergewicht. Das Wichtigste ist es, gesund zu sein. Da soll der Veganer mal Blut abnehmen lassen…ich wette, meins ist besser 🙂

    • Weißt du, ich habe auch phasenweise verschiedene Einstellungen und Meinungen übers Essen. Tatsache ist aber, dass ich versuche, weniger Industriezucker zu essen, saisonal und regional zu kaufen (was noch in Babyschuhen steckt) und mein Wohlfühlgewicht wieder erreichen möchte. Wie das ausschaut, weiß ich noch nicht so recht. Aber wahrscheinlich müssen dafür nur noch drei, vier Kilo runter (aber schon jetzt fühle ich mich wieder wohler, seit ich Sport mache). Und der gute Besucher hat sich entschuldigt und es ist alles untern Teppich gekehrt worden (oder so). Immerhin hat es mir den letzten Anstoß dazu gegeben, etwas zu tun. Meine eigentliche Devise lautet nämlich: wenn ich unzufrieden bin, muss ich entweder lernen, meinen (total durchschnittlichen) Körper zu akzeptieren oder etwas an meinem Gewicht / meiner Fitness zu ändern. Stimmt doch, oder? 🙂

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