Täler.

Gäbe es keine Täler, würde ich die Höhen weniger genießen. Wäre das Leben flach wie ein Teller, wäre ein Gang an die Grenzen freiwillig, dann würde ich möglicherweise immer in der warmen Mitte bleiben. Das Leben stößt mich Berggipfel hinunter und ich rudere wild mit Armen und Beinen, voller Angst vor dem Aufprall.

In den dunkelsten Stunden bin ich allein. Kein Mensch kann erahnen, welches Gefühl sich hinter meiner Gesichtsfassade verbirgt. Wer kann es nachfühlen?

Empathische Menschen mit sensiblen Fühlern zu ihrer Umgebung müssen mühsam lernen, Außeneinwirkungen von eigenen Empfindungen zu unterscheiden, Übertreibungen von nachgehenswerten Impulsen zu trennen, Wichtiges von weniger Wichtigem abzugrenzen. Wenn ich zurückblicke, habe ich hart daran arbeiten müssen und wurde häufiger in eiswürfelkaltes Wasser geworfen, aber es hat mich vorangetrieben.

Meine schlimmsten Zeiten haben mich im Nachhinein stark gemacht. Ich bin froh, das sagen zu können, denn die Grenze zum Zerbrochenwerden ist dünn wie eine Eischale. Dafür bin ich in erster Linie meinen Eltern dankbar, die mir so viel mitgegeben haben. Sie gaben mir soviel sie konnten und darunter Liebe und Durchhaltevermögen.

Je mehr ich mich mit meiner Lebensgeschichte auseinandersetze, desto tiefer möchte ich in die Verworrenheiten und Besonderheiten der Geschichte meiner Vorfahren hinabtauchen. Es ist Zeit, denn die Erzählungen sterben mit jedem Menschen aus, der gehen muss. Eines ist jedoch klar: ich möchte das durchbrechen, was sich über Generationen eingegraben hat. Gejagt werden, Flucht und immer wieder ganz von Neuem beginnen müssen, sind Umstände, unter denen meine und die folgendenden Generationen hoffentlich nicht werden leiden müssen.

Ich schreibe auf und halte fest, denn nach jedem Tal kommt die Sonne hervor. Ich möchte niemals vergessen, was hinter uns liegt und was uns geformt hat.

 

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2 Kommentare zu “Täler.

  1. Das ist wirklich wundervoll, dass du das so bewerten kannst im Nachhinein. Es ist der Punkt, der dich weitermachen und auch weiter wollen lässt. Heutzutage ist es fast eine Rarität, sagen zu können, dass die Eltern einen unterstützt haben. Viele Menschen schauen heute verbittert zurück zu ihren Eltern. Was ich persönlich schrecklich finde. Sie waren [und werden es immer auch ein wenig sein], der Dreh- und Angelpunkt unseres Daseins.

    • Ja, irgendwie sehe ich das jetzt so. Ohne sie im Nachhinein glorifizieren zu wollen, denn Fehler machen alle Menschen. Auch und gerade Eltern. Daneben haben sie es aber geschafft, mir einige wichtige Dinge mitzugeben, die es mir leichter machen, mit Menschen zu leben, Beziehungen lange und sinnvoll zu pflegen, mich in Teams einzufügen und authentisch zu sein. Das ist soo viel wert!

      Ja, sie sind der Dreh- und Angelpunkt unseres Daseins.

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