Ein guter Wind.

Ich hatte es gespürt. Als ich die Räume betrat, wirkten sie klein und beengt, aber auch freundlich und warm. Inzwischen hatte ich wöchentlich Vorstellungsgespräche gehabt, die meistens für mein Gefühl gut liefen, aber niemals in einem guten Ergebnis für mich geendet hatten. Dazu gab es immer kleine Vorbehalte in mir- gegenüber den Räumen und anderen kleinen Umständen- nichts, was gegen die Stelle sprechen würde, aber für meine sensible Wahrnehmung nicht zu übergehen waren.

Das Verrückte daran war, dass ich mich freiwillig nicht auf die Stelle beworben hätte. Junge Menschen, die kurz vor dem Abgrund stehen, in Ausbildungen zu bringen ist nicht unbedingt das, was ich mir als erste Aufgabe zugetraut hätte. Obwohl ich mich meistens eher deshalb nicht ernsthaft bewerben konnte, weil stets ein eigener PKW als zwingend erforderlich ausgeschrieben worden war. Den habe ich nicht und den werde ich so schnell nicht auftreiben können. Die Arbeitsagentur trug den „Vorschlag“ an mich heran und ich schrieb brav hin.

Ich bekam eine Woche später eine Einladung zu einem Gespräch, aber nicht für die Arbeit mit Jugendlichen, sondern für Menschen, die lernen wollen, Struktur in ihren Alltag zu bringen. Niedrigschwellig und doch voller Möglichkeiten für mich zum Lernen. Das fühlte sich für mich schon viel besser an. Viel viel besser. Allerdings müsste ich wieder einmal eine Fahrtzeit von täglich zwei Stunden in Kauf nehmen.

Das Gespräch war voller Wertschätzung und Warmherzigkeit, wir lachten gemeinsam und unterhielten uns über die Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit. Es war entspannt und ich fühlte mich als Symphonee angenommen. Trotz aller Vorbehalte wusste ich: da will ich hin! Es war genau wie damals, als ich für mein Anerkennungsjahr in der Beratungsstelle zwei Stunden Fahrtzeit täglich gegenüber einer Stelle, die praktisch um die Ecke war, in Kauf nehmen musste. Und doch sprach die Beratungsstelle mein Herz an. Diese Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut.

Als gestern der versprochene Anruf nicht kam, sank mein Mut. Meistens bedeuten lange Wartezeiten, dass es für mich nicht geklappt hat. Und dann wurde ich endlich am späten Nachmittag angerufen, der Leiter teilte mir mit, noch keine Antwort zu haben, da einer der entscheidenden Mitarbeiter erkrankt war, aber mir unbedingt am kommenden Tag Bescheid geben werde. Wisst ihr, wieviel es heutzutage bedeutet, überhaupt Antwort zu bekommen? Viele Versprechen wurden gegeben, wenig wurde eingehalten und von manchen habe ich sogar nach Gesprächen nie wieder etwas gehört.

Heute morgen, wie versprochen, wurde mir mitgeteilt, dass sich alle Mitarbeiter einstimmig für mich entschieden hätten. Am kommenden Dienstag beginne meine Arbeitszeit. Sie würden sich alle auf mich freuen und ich würde mich auch noch oft freuen dürfen. „Ich freue mich ja jetzt schon so sehr“ konnte ich nur darauf antworten.*

Hiermit bin ich offiziell nicht mehr arbeitssuchend. Man darf mir gratulieren.

*Ich glaube, ihr spürt meine Euphorie auch gerade, oder? Ich weiß natürlich, dass nicht immer alles rosig sein und bleiben muss, aber ich bin ziemlich gut darin, gefühlsmäßig einzuschätzen, was für ein Wind weht. Und dort spüre ich Wertschätzung und Menschlichkeit. Das bedeutet so viel mehr, als ich zu hoffen wagte und deshalb sehr sehr viel für mich.

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4 Kommentare zu “Ein guter Wind.

  1. Ach Mensch, du weißt gar nicht, wie sehr ich mich für dich freue! Allein die Tatsache, dass sie dich an dem Tag noch angerufen haben, um dir mitzuteilen, dass sie dir leider noch keine Antwort geben können, weil jemand erkrankt war, ist so wertschätzend! Ich freu‘ mich riesig! Riesig! Riesig!

    • Ja ja ja und jippieh! 🙂 Ich habe ein sehr gutes Gefühl bei der Sache, aber gleichzeitig sind noch viele andere Bewerbungen nicht beantwortet, die bei der Stadt oder bei der Region wären- falls ich dazu eingeladen werde, würde ich höchstwahrscheinlich nicht nein sagen. Es fällt mir zwar sehr sehr schwer, so „offen“ für anderes zu sein, aber heutzutage muss man manchmal weniger loyal sein, als man es sonst wäre. Oder? Zumal mein jetziger Arbeitgeber mir signalisiert hat, dass manch andere Kollegin zu den öffentlichen Diensten „abwandert“, was er aber gut verstehen könne (das hängt aber mit der Bezahlung und der Befristung zusammen, die wiederum deshalb immer wieder so kurz gehalten wird, weil das Projekte sind, die verlängert werden oder eben nicht). In was für einer Welt wir leben!

      Ich freu mich auf jeden Fall auch riesig, riesig, riesig!

  2. Hallo liebe Symphonee!

    Ich bin ganz sprachlos. Vielen Dank, für deine ehrlichen und aufmunternden Worte! Es ist schön zu wissen, dass sich noch jemand die Zeit & Mühe macht sich einen Teil meiner Lebensgeschichte durchzulesen, besonders bei der Länge. 🙂

    Ich arbeite jeden Tag daran, dass mein Leben so bleibt, wie es ist und heute weiß ich einfach: Viele Dinge hatten ihren Grund, denn sonst wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

    Vielen lieben Dank nochmal!

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