Aufschrei?

Je länger die Sexismus-Debatte andauert, desto weniger weiß ich, wo ich mich positionieren soll. Die erste Entscheidung ging klar zu den jungen Frauen, die auf den Talksesseln ihre Meinungen und Erfahrungen kundtun, denn ja, auch ich habe ähnliche Erfahrungen machen müssen.

Innerlich ziehe ich meine Grenze aber anders.

Für mich gibt es Flirten und Komplimente und dann gibt es ekelhafte, plumpe Anmache, die unter die Gürtellinie geht und in sexuelle Belästigung mündet. Diese Grenze ist für mich gefühlsmäßig relativ klar gezogen, aber verläuft für jede Frau (und deshalb auch für jeden Mann) anders.

Manch ein fremder Mann spricht mich an und macht mir ein Kompliment. Weitere mögliche Absichten wehre ich dann freundlich und bestimmt ab, aber für das Kompliment bedanke ich mich. Er findet etwas an mir schön und äußert es respektvoll. Das finde ich okay.

Manch ein Mann pfeift mir hinterher oder schnalzt zu mir rüber- was ich weniger erquicklich finde, denn ich bin ja kein Meerschweinchen oder Hündchen, dem man durch solcherart Signale Zuneigung zeigen müsste.

Manch ein Mann bedrängt eine junge Frau durch Worte und „Taten“. Das geht gar nicht, aber ich habe es so in der Form noch nicht erlebt (zum Glück).

Manch ein Mann hat immer einen unpassenden Spruch auf den Lippen und man kann dem kaum entkommen, weil man beruflich oder schulisch oder wie auch immer mit ihm zu tun haben muss. Das ist die unangenehmste Art, wie man mit wirklich „sexistischen“ Äußerungen und Anspielungen klarkommen muss.

Und ich meine immernoch, dass Männer mehr auf visuelle Reize reagieren, während Frauen mehr auf Worte und Taten anspringen. Jetzt mal total pauschalisiert auf die Geschlechter bezogen und ohne die kleinen persönlichen Unterschiede und Mischungen zu beachten. Auch aus diesem Grund machen Männer manchmal doofe und sexistische und schreckliche Andeutungen und manchmal sehr schöne Komplimente.

Das heißt nicht, dass ich manches nicht gut finde. Und in berufliche Beziehungen gehören eindeutig zweideutige Dinge absolut nicht hinein. Da ist sowieso höchste Vorsicht geboten.

[ Letztes Jahr hatte ich für einige Monate einen Job in einem Büro und wie es so ist: manche Menschen sind einem von Anfang an unsympathisch. So der Herr M. Er machte häufig anzügliche Witze und ich galt schnell als humorlos bei ihm. Die anderen nahmen ihn so hin, ein wenig verschämt manchmal, aber auch ein wenig lachend. Da ich einige Male von Tisch zu Tisch ziehen musste, besaß ich einen Pappkarton mit allen Mappen und Ordnern, die ich für meine Arbeit brauchte. Eines Tages kam ein junger Kollege ins Zimmer, der etwas von meinen Notizen benötigte, ich bückte mich nach dem Pappkarton, der zwischen uns stand und in dem Augenblick kam Herr M. rein und sagte: „Na na na, was sehe ich denn da? Doch nicht am Arbeitsplatz!“. Ich war einfach nur geschockt und wurde rot vor lauter Scham, der junge Kollege beschwichtigte und ich empörte mich ein wenig, aber nicht genug. Ja, ich fühlte mich ungerecht und blöd und ekelhaft angemacht. Gleichzeitig auch wie gelähmt.

Ich dachte anschließend genau darüber nach und entschied, am nächsten Tag zu Herrn M. zu gehen, um ihm die Grenzen klar aufzuzeigen und ihm zu sagen, dass so etwas als „sexuelle Belästigung“ gelte. Ich hatte was zu verlieren, ja, denn ich war eine Zeitarbeiterin für einige Monate. Zur gleichen Zeit war diese zeitliche Begrenzung mein Glück, denn Herr M. hatte nach diesem Tag für den Rest meiner verbliebenen Zeit Urlaub und ich musste ihn nie wieder sehen.

Dennoch sind die Reaktionen, als ich es Kolleginnen erzählte, bezeichnend: Das müsse man nicht so ernst nehmen. So sei Herr M. halt. Ja und ich bin eben anders und möchte mir solcherart Anzüglichkeiten nicht anhören müssen.]

Ja, Sexismus sollte weniger erlebt werden müssen- definitiv! Und gleichzeitig darf nicht jedes unangenehme Erlebnis unter diesen Begriff gepackt werden. Das ist meine bescheidene Meinung dazu.

 

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4 Kommentare zu “Aufschrei?

  1. Ich kann dem eigentlich rein gar nichts hinzufügen. Ich empfinde das genau so, wie du es hier beschrieben hast. Auch die Grenzen empfinde ich bei mir so. Das wäre für mich zu weit gegangen, und auch ich hätte mich da zu Wort gemeldet. Diese Aufschrei-Geschichte geht noch an mir vorbei.

    • Das freut mich zu hören, denn die meisten Blogger, die ich lese, haben ganz andere Ansichten. Zwischenzeitlich wusste ich gar nicht mehr, was Sexismus eigentlich ist. Aber die eine oder andere Talkshow hat mir schon geholfen, mir eine Meinung zu bilden.. Fernsehen bringt was! 😉

  2. Es tut gut zu wissen, dass auch Frauen nicht so genau wissen, um was es bei #aufschrei eigentlich geht. Ganz klar gegen den „Sexismus“ Doch wann beginnt er und wann nicht? Darüber kursieren die unterschiedlichsten Meinungen im Netz.
    Deine Erläuterungen gefallen mir.

    Ich bin einfach der Meinung, dass man Menschen generell respektvoll behandeln sollte.

    Interessant an dem Thema finde ich, dass es durchaus sein kann, dass eine Frau ein Kompliment als sexistisch empfindet, weil sie den Typen nicht mag, eine andere hingegen als unglaubliches Kompliment, weil sie den Typen total sympathisch findet oder es einfach in der Situation anders und positiver auffasst.

    Das gilt ja auch für Komplimente, die nichtmal anzüglich sind. Das habe ich mir schon oft gedacht, wenn man mal wieder so ein Gespräch hört ala „Das war echt voll die lahme Anmache.“ – In dem Fall, war es vielleicht einfach nur ein Kompliment „Hey, lächelst du immer so fröhlich.?“ aber wenn es von einem Typen kommt, den man eben nicht mag, dann wars trotzdem schlecht.
    „Der Typ war echt süß.“ könnte die Reaktion sein, wenn die Frau drauf steht.

    Im Sexistischen Kontext ist das ähnlich. Es hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut man die andere Person kennt.

    Eines ist klar: Jemanden runterzumachen, ob mit sexistischen Bemerkungen oder ohne und seine Macht so auszuspielen ist generell nicht gut.

    Wenn wir uns alle respektvoll behandeln wird dieser Planet ein bisschen freundlicher.

    Nun zuletzt, was ich von dieser Sexismusdebatte halte: Ich glaube finde sie gut. Wie sie geführt wird und so weiter darüber könnte man diskutieren, aber dass ich mir darüber Gedanken mache und plötzlich merke, dass ich weniger Sexistisch bin, als ich angenommen hatte ist fabelhaft. ( Liegt daran, dass man in Marburg bei manchen Menschen schon gewissermaßen als sexistisch gilt, wenn man einer Frau die Tür aufhält oder den Koffer trägt oder wenn man nur die Männliche Form verwendet, „Studenten“ statt „StudentInnen“ ) – Mein Bild über den Sexismus wurde also neu geprägt und das gefällt mir.

    • Ich hatte einfach das Gefühl, mich mit dieser Debatte genauer auseinandersetzen zu müssen (auch weil ich mich ein wenig im Argumentieren üben wollte- mir fehlt manchmal die Ordnung im Kopf für Diskussionen).

      Du hast schon recht, was die Attraktivität angeht. Bei auf den ersten Blick gut aussehenden Männern fühlt sich die eine oder andere vielleicht eher geschmeichelt, bei einem Mann, der [ungewollt] „schleimig“ rüberkommt, wird es als unpassender empfunden. Ich habe beispielsweise nie einen Anmachspruch in eine Schublade gepackt. Heutzutage kann Mann es Frau ja gar nicht mehr recht machen, wenn es nach Serien und Filmen geht. Mir fehlt da manchmal eine gewisse Menschlichkeit im Miteinander und Ausloten von Beziehungsfacetten. Gut- manchmal muss klar und genau eine Grenze gezogen werden- und da hilft auch Freundlichkeit nicht mehr weiter.

      Ich habe niemals nicht gedacht, dass du dich angesprochen fühlen müsstest. Ich bewege mich auch in Kreisen, die eher nicht sexistisch sind, würde ich mal behaupten [oh, jetzt können auch schon Kreise sexistisch sein ;))]. Da passt du auch rein- also in meine unsexistischen Kreise.

      Die andere Seite ist die der Höflichkeit: ich halte die Tür Männern und Frauen gleichermaßen auf. Gestern hat mir nach einem Bewerbungsgespräch der Herr meinen Mantel zum Reinschlüpfen hingehalten, was mir beinahe unangenehm ist, ich aber als höflich einstufe. Höflichkeit und Respekt gehen immer.

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