Wenn es klick macht.

Im Rückblick auf meine Schulzeit kommen ganz verschiedene Gefühle in mir hoch. Meine Freunde hinterlassen ein schönes Gefühl, die mündliche Beteiligung, die ich damals nicht liefern konnte, einen großen Druck, die Leute, die das Sagen hatten und angesagt waren ein nachträgliches Fragezeichen, warum ich nicht dazugehört hatte. Ich befand mich im wohligen Mittelfeld, tat aber, was ich konnte, um ein bisschen weiter vorn mitschwimmen zu können.Scheinbar jedoch nie genug, jedenfalls fühlte es sich stets sehr falsch an, wenn ich dann mal einen Ausflug in die andere Welt machte.

Gestern: Geburtstag einer ehemaligen Klassenkameradin, die weiter vorn mitschwimmen hatte dürfen, können, wollen? Und die Hälfte der damaligen Tonansager befand sich ebenfalls dort.

Ich landete in deren Ecke. Eine Psychologin, die mir bei jeglicher Unterhaltung kein Mal in die Augen schaute, sich über ihre Patienten böse ausließ und mir Tipps für Empathie von 9 bis 17 Uhr gab. Gegen Müdigkeit helfe kein Kaffee, sondern chemische Präparate, je mehr Chemie desto besser. [Ich hoffe, ich gerate nie an eine solche Psychologin, wenn es mir jemals richtig dreckig gehen sollte].

Eine Wirtschaftswissenschaftlerin, die früher jeglichen Unterricht geschmissen hatte, und nun schwanger und müde auf dem Sofa saß. Die fand ich noch sympathisch, auch wenn wir uns mehr als die Hälfte der Zeit anschwiegen. Ich fühlte mich bei jedem zweiten Satz missverstanden, als wenn wir nur eine halbe gemeinsame Sprache sprächen.

Ein Jurist, der noch der offenste und freundlichste in der Runde war, aber mit dem ich auch keine Interessen teilte. Dafür ein paar verrückte Erinnerungen, die von den anderen beiden mit starren Mienen angehört wurden, während wir darüber lachten.

Fehl am Platz.

Nach langen anderthalb Stunden floh ich aus dieser Ecke und verstand zum ersten Mal, wieso ich nie das Gefühl hatte, hinein zu passen. Ja, ich war sicherlich in manchen Dingen eine Spätzünderin und nicht so up-to-date wie die eine oder andere, aber ich hatte mit meinen zwei besten Freundinnen etwas, was ich an den anderen in dem Maße vermisste. Jede Menge Verrücktheit und Kreativität, soziale Wärme und den Mut, jünger eingeschätzt zu werden als wir waren.

Ich sage nicht, dass alle anderen doof und langweilig waren, aber gemessen an dem, was uns interessierte und was wir miteinander auf die Beine stellten, waren wir den anderen mindestens genauso fremd wie sie uns.

Das kristallisierte sich gestern sehr klar heraus. Ein paar anteilnahmslos und kühl gestellte Fragen, höflich, aber kaum mal ein bisschen witzigeren Smalltalk beinhaltend und ich hatte die Antwort auf nie beantwortete Fragen. Es hat nie gepasst.

An der anderen Seite des Raumes lernten wir ein ausgesprochen freundliches junges Paar kennen. Sie ist eine junge Lehrerin, bei der ich nach zwei Sätzen über ihre Arbeit anhörte, was Empathie wirklich ausmacht. Es ist nichts, was man an- und ausknippsen kann. [Obwohl ich mir manchmal wünschte, es zu können.]

Klick.

 

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4 Kommentare zu “Wenn es klick macht.

  1. Kannte ich in der Schule auch – das waren einfach verschiedene Welten. Ich fand es damals schon langweilig, zu saufen und dann Essen an die Wand zu kotzen. Und heute finde ich Leute, die sich nur karrieremäßig entwickeln, langweilig.
    Oft wünschte ich, es könnte klicken – oder ich käme bei manchen Menschen wenigstens um meine Abneigung herum, da wäre ja schon viel geholfen.

    Schöner Text!

    • Ich sehe, wir verstehen uns 🙂 Aber, wie geschrieben, es hat erst jetzt richtig „klick“ gemacht, zu verstehen, was fehlte. Eigentlich witzig, wie lange ich dafür gebraucht habe, obwohl ich sonst echt reflektiert bin.

      Es gibt mehr als nur „Karriere“ (obwohl das auf meinem Blog wahrscheinlich nicht so rüberkommt ;)).

      Lieben Gruß,
      Symphonee

  2. Was ich einfach interessant finde, dass diese Non-Chemie sich bis jetzt gehalten hat. Es kommt ja häufig genug vor, dass es sich da auch anders entwickeln kann. Dass man – 10 oder 15 Jahre später – doch einen Zugang zueinander findet. Aber eine interessante Erfahrung war es doch trotzdem, oder?

    • Eigentlich bin ich auch mit der Einstellung hingegangen, dass man sich ja nett unterhalten könnte. Und dann fühlte ich mich in dieser Gesellschaft einfach unwohl, die drei Leutchen untereinander hatten allerdings auch wenig Gesprächsthemen und möglicherweise kam dann ein Stück der alten Symphonee wieder hervor. Ich weiß nicht. Nach der Schule kam ich mir vor, als könnte ich freier atmen und diejenige sein, zu der ich mich entwickelt hatte. Mein Empfinden war immer wieder, in einer Hülle festzustecken, über die ich hinausgewachsen war, aber aus der ich in der Schule keine Chance hatte zu schlüpfen. Ein bisschen fühlte ich mich an dem Abend in Schulzeiten zurückversetzt. [Allerdings habe ich ab und an auch andere Leute getroffen, mit denen ich mich hervorragend unterhalten konnte, obwohl wir in der Schule auch keine dicken Freunde gewesen sind.]

      Naja, nicht tragisch, ich bin meistens relativ zufrieden mit mir und meiner neuen Welt 🙂 Und ja, es war eine interessante Erfahrung 🙂

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