Schoisfreundlich.

Ich hatte die Theoriestunde schwänzen wollen. Die Sonne schien, es war warm und ich hatte in drei Tagen schon fünf Stunden hinter mich gebracht. Aber mein Liebster Pflichtgefühl drängte mich zu gehen. Hätte ich bloß auf den inneren Schweinehund gehört.

Keine andere Schülerin außer mir saß im Raum und den hereinwatschelnden Lehrer kannte ich nicht. Zehn Minuten nach Beginn setzte er sich, seufzte tief auf und beschwerte sich über seinen Tag. Ich stellte nur kurz die Höflichkeitsfrage „So schlimm?“ und der Damm war gebrochen. Er beschwerte sich über unfreiwillige Maßnahmenteilnehmer, die alle Kosten für die Fahrerlaubnis bezahlt bekämen. Dann speziell über eine junge Frau, deren Fehltritte er bis ins Detail beschrieb und seufzte dabei immer wieder tief auf. Ich antwortete spärlich, schaute auf das gebeamte Bild, räusperte mich, aber er blieb bei seiner ausführlichen Erzählung. Ich schaute irgendwann auf die Uhr und wies ihn endlich darauf hin, dass wir nur noch 45 Minuten für den Unterricht hätten. Er sah ein bisschen beleidigt aus, aber begann dann doch pflichtbewusst und abschweifend zu erklären.

Ich hätte mir diese Stunde inhaltlich komplett sparen können. Wenigstens ist Thema Nummer acht nun gegessen. Und dennoch: warum, um Himmelswillen, bleibe ich so nett? Seine Beschwerden waren langatmig und fehl am Platz, aber ich kann mein freundliches Lächeln nur sparsamer schalten. Bis ich wütend werde, muss soviel mehr geschehen. Außerdem befürchte ich einen Nachteil. Die meisten großen Meckerer vor dem Herrn sehen bei anderen geringe Kritikfähigkeit, können selbst mit diesen Dingen aber auch kaum angemessen umgehen. Darum schweige ich. Ich Feigling, ich weiß.

Irgendwie denke ich zuviel nach: vorher, dabei und nachher. Dazwischen übrigens ebenfalls und mittendrin auch.

Das Beste ist aber, dass er zum Abschluss meinte, dass es schön gewesen wäre, eine so nette Schülerin gehabt zu haben. Und was erwidere ich? Ja, ich fands auch gut. Einmal fett gelogen. Ich hätte ja wenigstens schweigen können. Nein, diese Sachen kommen automatisch aus mir heraus, als wenn sie programmiert wären. Freundlich, unauffällig und wenn, dann nur positiv auffallen.

Schoisfreundlich.

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2 Kommentare zu “Schoisfreundlich.

  1. So mach ich das auch…Ich habe immer Angst, jemanden bloßzustellen und weil ich weiß, wie es ist, wenn einem jemand die Meinung sagt, und ich finde, dass das ein Schoisgefühl ist, versuche ich es bei anderen zu vermeiden, weil es mir dann sofort leidtut. Manchmal macht man es dann nämlich doch und merkt, wie der andere plötzlich traurig guckt und schon denkt man, man hätte es einfach nicht bei der Person rauslassen müssen.

    • Sind wir demnach „zu“ freundlich oder ist das noch im Rahmen? Manchmal denke ich, ein bisschen weniger Verständnis und ein bisschen mehr Ellenbogen würden mir gut tun. Und dann wieder frage ich mich, wie ich darauf komme? Ja, ich denke ab und an auch ZUVIEL 😀

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