Mir ist geholfen.

Eher unwillig widme ich mich dem Führerscheinerwerb. Durch gewisse Schisserqualitäten und wachsenden Respekt vor dem Autofahren könnte ich den Rest meines Lebens auf dem Rad und in den Öffis verbringen. Doch meine geringeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und der restliche nützliche Kram durchs Autofahren (schweres Zeug in Mengen einkaufen) drängen mich zum Führerscheinerwerb. Seeeeufz.

Dazu gehört ein Erste-Hilfe-Kurs, den man in acht Unterrichtsstunden zu absolvieren hat. Nun störte mich vor allem, dass ich allein hin musste und bei den Übungen (Umdrehen in die stabile Seitenlage, stabiles Hochzerren, Abziehen eines Motorradhelmes) fremde, unangenehme Menschen berühren müsste. Und die mich.

Doch was muss, dass muss. Ich stolperte also in den Kurs – eine halbe Stunde zu spät. Wie eine ordentlich Strukturlose (wegen meiner Arbeitslosigkeit habe ich keinen normalen Tagesablauf mehr) hatte ich mich in der Uhrzeit verguckt. Und Alter ey: der Altersdurchschnitt lag gefühlt bei 18 Jahren. Ich quetschte mich neben eine 18-Jährige und fühlte mich wie ihre Oma große Schwester. Es war unerträglich warm in dem fensterlosen Raum und ich wurde gleich wegen meiner tollen Aussprache wegen des Zuspätkommens zum Vorlesen verdonnert. Meine Gesichtsfarbe wurde dreifach röter (Zuspätkommen, Hitzewallungen, Vorlesen).

Im Raum saßen 20 Teilnehmer, davon 15 offensichtlich mit Migrationshintergrund- von Aussehen über Sprache oder gänzlich fehlende deutsche Sprachkenntnisse. Drei Personen taten sich mit einfachsten Aufforderungen schwer (der Leiter bat darum, sich beim Stabileseitenlagendrehen hinzuknieen und klopfte auf seine Knie. Der Aufgeforderte nickte und klopfte sich ebenfalls auf die Knie, weil er kein Wort verstanden hatte). Sogar der Leiter rollte sein „r“ ausdrücklich, was die Namensendung „ski“ in seinem Namen erklärte. Der massig und zugleich schelmisch aussehende einzige junge Vater in der Runde hatte viele interessante Beiträge beizusteuern- allesamt aus Film und Fernsehen erworben und die junge Libanesin neben mir bot mir Brezeln an.

Der Leiter achtete übrigens darauf, dass Frauen nur Frauen bei den Übungen anfassen durften und Männer nur Männer. Das war angenehm, denn dabei lernte ich die Halbbrasilianerin in meinem Alter kennen. Sie trug einen französischen Namen und pflegte einen ebensolchen Akzent. Außerdem erzählte sie mir von ihren Allergien und den vielen Städten, in denen sie schon gewohnt hatte und ich las fleißig vor.

Ich hatte viel zu lachen. Wir hatten viel zu lachen und die Zeit ging erstaunlich schnell um. Mit Ach und Krach bestand ich den Sehtest (ich brauche neue Kontaktlinsen) und suhlte mich in dem Erstaunen des Leiters, der mich ganze acht Jahre jünger eingeschätzt hätte. Erst im Nachhinein fragte ich mich, ob ich durch mein Verhalten so jung gewirkt hatte (ich musste ständig unpassend lachen, als zwanzig Augenpaare mir beim Passbildshooting zusahen und ich unter der grellen Lampe zu schwitzen begann- ich brauchte am längsten für das Bild) oder durch meinen frischen Teint.

Nun, ich habe es geschafft. Ich bin ebenfalls offensichtlich Multikulti, kontaktfreudig, eine gute Leserin und Ersthelferin. Wenn das mal keine Auszeichnung ist.

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3 Kommentare zu “Mir ist geholfen.

  1. wenn mich das arbeitsamt irgendwann mal fragt, ob ich einen führerschein machen will, werde ich ablehnen. ich kann ja nicht mal fahrrad fahren *gg* ich hoffe die sehen das dann nicht als verweigerung meiner mithilfe, mich ins jobleben zu integrieren.

    • Wenn sie dich mal fragen sollten, ist das fast ein Geschenk! 😉 Allerdings musst du dann auch Stellen annehmen, wie LKW-Fahrerin oder ähnliches. Na und ob man sich sowas zutraut (ich find ja schon ein kleines Auto herausfordernd). Ansonsten sehe ich einen Führerschein als Luxus an, auf den ich verzichten könnte. Echt mal! 🙂

  2. Pingback: Wasserfälle. | bittersweetsymphonee

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