Übung in Zufriedenheit.

Ein kleines, nervendes Gefühl knabbert in Stunden der äußerlichen Ruhe in mir. Es befindet sich in Höhe meiner Luftröhre. Beim genaueren Hinhören erkenne ich unruhige Unzufriedenheit. Ziellos versucht es sich einzunisten, ich kenne die Ursache nicht und verstehe nur, dass es mich in produktivem Tun sehen möchte. Jetzt. Sofort.

Wahlweise auch inmitten einer großen Menge von Menschen, voller Freude und Spaß, anerkannt und von allen geliebt. Gleichzeitig am Praktikumsbericht arbeitend, den Horizont erweiternd, Wissen ins sich hineinschaufelnd.

Überhaupt: Wissen, Bildung, Intelligenz. Das Unzufriedenheitsbakterium weiß genau, was ich nicht weiß und reibt es mir so oft es geht, unter die Nase. Hey, flüstert es, du warst nie ein Überflieger und wirst es nie werden, denn dazu müsstest du endlich anfangen zu lernen. Was weiß ich schon?

Irgendwo im Netz begegnete mir mal die Deutung, dass Halswirbelsäulenprobleme mit Selbstwerteinbrüchen im Bereich der Intelligenz, des Wissens oder Nichtwissens einhergehen. Man mag dazu stehen, wie man mag: auf mich würde die Diagnose zutreffen.

Es lässt keine Ruhe, das kleine Tier in mir und mir bleibt nichts Anderes, als mich zufrieden zu reden. Schau mal, denk mal, sieh mal..

Ich atme tief ein. Ich atme tief aus. Normalerweise atme ich flach, gepresst. Atmen, sehen, verstehen: der Verstand überflügelt das Gefühl und ein Ansatz von Zufriedenheit kehrt ein. Einstellungssache? Selbstbeherrschung? Selbstwert, der über Leistung definiert wird? Luxusproblemchen einer Welt, die wenig Not kennt?

Und ich übe mich in Zufriedenheit. Erstelle Listen, die zeigen, was mich zufrieden macht. Überzeugende Punkte. Ja, auch Menschen ohne besondere existenzielle Probleme gehen einen Weg. Mein Ziel? Ein Leben, bei dem ich mir selbst ohne Scham in die Augen schauen kann, täglich genossen, mich und die Annehmlichkeiten, die es so mit sich bringt, schätzend, ohne diesen verdammten Druck, den ich mir irgendwann einmal eingepackt habe.

Ich nehme einige Pillen Selbstwertantibiotikum und atme mich durch den Sonntag.*

* Ich bin glücklich. Was auch immer Glück bedeuten mag, aber es wohnt unter meiner Luftröhre, in meinem Magen.

 

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2 Kommentare zu “Übung in Zufriedenheit.

  1. Für mich macht „Bildung“ nur Sinn, wenn ich damit Rätsel lösen kann. Ich habe schon immer Menschen den Stinkefinger gezeigt, die sich auf ihren Bildungsstatus etwas eingebildet haben. Das ist in meiner Kultur ja quasi eine Krankheit … Ganz schlimm! Deshlab bin ich da sehr immun gegen, inzwischen. Also, meine Liebe, wichtiger als Wissen ist, dass du bereits weißt, was du wissen möchtest und wissen wirst, was dir wichtig ist. So in etwa!

    • Schön gesagt 🙂 Allerdings findet das Wörtchen Bildung auch deshalb Platz in meinem Eintrag, weil es so schwammig definiert ist. Meine Familie gehörte nie zu dieser Schicht, die die Bildung mit großen Löffeln von klein auf gefressen hat- mein Vater ist zwar sehr gewandt, aber von der schulischen Laufbahn über den Beruf hat er wenig an „Luxusbildung“ (Dichter, Denker, Literatur, Kunst) mitnehmen können. Es wurde keine Zeitung gelesen und der Wert auf ganz andere Dinge gelegt. Nur in der Schule sollte ich nicht negativ auffallen. Vielleicht habe ich darum oft das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Zumal ich auch deutsche Kultfilme, -lieder, -sprüche kaum kenne, dafür rudimentär sowjetische/russische Wichtigkeiten. Also „etwas nicht zu wissen“ kommt bei mir häufig vor und die Unsicherheit darüber, ob es akzeptiert ist (von wem auch immer), ist da. Inzwischen immer weniger, aber noch bearbeitenswert, denn was hilfts, sich selbst fertigzumachen?

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