Unverdaulich.

Ich plane eine Feier zu Ehren meines letzten Jahres in den Zwanzigern. Und vielleicht auch zu Ehren des Lebens, der Freundschaft, der Freude? Vor drei Jahren hätte dieses Fest ganz anders ausgesehen. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders. Dieses „anders“ von heute hätte ich damals ansatzweise verurteilt, zumindest gab es die eine Haltung, die besagte, dass Grauzonen klare Gesetze haben.

Meine Familie lebt immernoch in diesen Rahmenbedingungen. Ich verließ sie. Damit ich entspannt feiern kann, mein freieres Leben zelebrieren, tief einatmen und mich erfreuen kann, lade ich meine jungen Geschwister und ihre Partner nicht ein. Es schmerzt mich sehr und jede Nacht träume ich von ihnen. Ein Teil von mir möchte sagen: „Schaut, wie gut man es haben kann!“ Ein anderer Teil hat Angst vor Verurteilung, vor unausgesprochenen Sätzen wie „Seht ihr, das kommt davon, wenn man die klaren Rahmen verlässt!“.

So trenne ich das. Ein treffen für meine Familie, eine Feier für meine Freunde. Überschneidungen scheinen momentan eher unmöglich.

Meine Geschwister sind wahrlich keine weltfremden, versteckten, lebensunfreudigen Wesen. Sie haben nur hier und da Ansichten, die keinem wehtun, aber ganz klar gezogen sind. Ich gehörte mal dazu, kenne diese und bin nun raus.

Mein Thema, das wiederkehrt. Herzschmerz für mich. Ich gewann viel: Lebensfreude, Entscheidungsfreiheit, Freunde dazu. Und gleichzeitig verlor ich meinen uneingeschränkten, nahezu kindlichen Glauben, eine eingeschworene Gemeinschaft, meine Familie in vielen Bereichen.

Und ich träume weiterhin jede Nacht von einem rauschenden Fest und Geschwistern, mit denen ich mich, wie zu Zeiten unseren gemeinsamen Weges, frei freuen darf.

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4 Kommentare zu “Unverdaulich.

  1. Glaubst Du denn überhaupt noch? Wenn ich lese, was Du so schreibst und wie Du so schreibst, dass ich überhaupt noch keine Erfahrung mit dem Leben gesammelt habe. Du klingst immer so weise. Natürlich habe ich auch meine Schwierigkeiten mit dem Leben und sogar manchmal mit der Lebensweise meiner Familie (Man kommt manchmal zu Besuch und niemand hat Zeit für einen, weil der eine sich lieber den Pflanzen im Garten widmet, weil diese verdorren könnten und der andere lieber am Spülbecken steht, weil die 100€ Reparaturkosten für die Spülmaschine eingespart werden müssten, was totaler Blödsinn ist. Und füreinander hat man auch keine Zeit, findet das aber auch nicht schlimm, weil man ja funktioneirt), aber ich sinniere nicht soviel darüber, sondern nehme es einfach so hin…

    • Weise? Naja, die kleine Lebensweisheit, die man so sammelt, aber nicht übermäßig herausragend weise. Für mich klingst du beispielsweise interessiert, intelligent, informiert 🙂 und beschäftigt, unterwegs, interessant.

      Ob ich glaube? Ja, doch. Ich lebe auch nach jüdischen Glaubensgrundsätzen, aber ich bin seit drei Jahren zum ersten Mal im Leben richtig im Leben drin (für mich „richtig“ drin) und lebe nebenher so, wie ich es für mich als richtig erachte. Genau in der Reihenfolge. Nahezu weg ist dieses Moralische, das „Menschen-aus-Glaubensaugen-betrachten“, das „ich-will-erleben-und-darf-nicht“ (ohne deshalb gleich alle bisher vorhandenen Regeln über Bord zu werfen). Menschen von außen haben das nie besonders an mir bemerkt, aber ich fühle mich endlich so, wie ich mich immer fühlen wollte. Dennoch ist es kompliziert und ich hadere mit so manchem Gedanken, so dass ich mich gerade gar nicht traue, Glaubensthemen genauer zu betrachten.

      Meine Familie. Wir waren immer in einer Gemeinde zusammen. Hatten dieselbe Gesinnung, gingen einen Weg. Dann sagte ich tschüß und koche von da an mein eigenes Süppchen, während alle anderen immernoch gemeinsam ihren Weg gehen. Mehr oder weniger. Ich kenne ihre Gedanken. Und ich stehe immer ein bisschen unter dem Druck, beweisen zu müssen, dass ich immernoch irgendwo so bin wie sie. Trotz alledem haben wir nette Stunden, Feiern, Treffen und verstehen uns oberflächlich gut. Nur das, was nicht mehr so ist wie es mal war, ist schwierig. Für mich vor allem.

      Ansonsten finde ich es gut, wenn man es einfach so hinnehmen kann. Ich wünschte, ich könnte es auch, aber noch kann ich es manchmal nicht. Leider.

  2. Da hast Du aber nette Worte dafür gefunden, um auszudrücken, wie Du findest, dass ich klinge 🙂 Wenn ich tatsächlich so wirken würde, wäre ich äußerst zufrieden damit.
    Ich habe es damals, als ich mein Christsein aufgegeben habe, anders gemacht. Ich habe alle Zelte abgebrochen und fühlte mich danach auch freier. Nicht mehr über jeden Kleinkram nachzudenken, nicht mehr ständig in mich gehen zu müssen und mich zu fragen „What would Jesus do?“, sondern einfach zu überlegen, was aus meinem menschlichen Grundverständnis von Moral richtig sein könnte. Sicher hat mich diese Zeit tief im Glauben geprägt und mich zu einem Menschen gemacht, dem nicht alles scheißegal ist und der sich immerzu auch überlegt, wie sein Handeln auf andere wirken könnte und der mitfühlt, wenn das Handeln anderer auf andere nicht so gut wirkt. Aber insgesamt geht es mir besser, wenn ich meine Entscheidungen selbst treffe.
    Für mich war es aber auch einfacher, weil meine Familie mit dem Glauben ohnehin nichts zu tun hatte. Umso mutiger ist es, dass Du geschafft hast, Dich abzunabeln.

    • Meine Entscheidungen sind zwar beeinflusst von Grundsätzen meines Glaubens, aber lange nicht mehr so sehr wie damals. Das befreit und belastet manchmal gleichermaßen.
      Jeder findet seinen Weg. Schön, dass du deinen gefunden hast und das Beste mitgenommen hast! 🙂

      Und, ja: so sehe ich dich.

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