Warum bittersüß.

Die große Christina, mit den naturroten Haaren, der ausladenden Hüfte und der weiblichen Taille wurde sechzehn und lud nur Mädchen zu ihrer kleinen Party am Rande der Stadt ein.

Ich saß einige Male in der Woche im Fremdsprachunterricht neben ihr, wo sie mir ab und an ChocMints rüberschob, die wir versuchten heimlich zu lutschen, um es vor unserem wunderlichen Spinnenartigen Lehrer zu verstecken. Dieser reagierte mit ausholenden Gesten auf jedes im Mund befindliche Kaugummi, indem er den Papierkorb von der Wand riss und ihn vor die Nase des Schuldigen hielt- zum Ausspucken des Beweismittels.

Christina wurde im November sechzehn und ich war eingeladen: es gab Essen, harmlose Getränke, Musik und zaghaft tanzende Mädchen. Ich hatte das neue Handy meines Vaters mitnehmen dürfen- eines der ersten Stunde mit gummiartigen Tasten, die auf leichten Druck nachgaben, und ich versuchte an diesem Abend meinen drei einzigen bekannten Handybesitzern die größtmögliche Zahl an SMS zu schicken.

Als es dunkel wurde, setzten wir uns um das Sofa herum, um einen Film zu schauen. Meine Eltern achteten normalerweise sehr darauf, Kussszenen aus unserem KinderLeben herauszuhalten, geschweige denn Bettgeschichten oder gar Horrorfilme und Psychothriller. Als der Film begann, wünschte ich mich also aus vielerlei Gründen ganz weit weg, denn wir schauten uns

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an, dessen Szenen mir bis heute nicht aus dem Kopf gehen wollen. Mir blieb nur, mich in dem verlassenen dunklen Haus zu verstecken und die Geräuschkulisse des Filmes zu hören oder meine Augen zu schließen und andere entsetzte Freundinnen um mich zu haben. Es war eine Tortur, die mir dennoch das Gefühl gab, endlich die Schwelle überschritten zu haben. Und die mich wissen ließ, welches Filmgenre ich mir nicht mehr antun wollte.

Neben dem Horror ergriff mich ebenso der Soundtrack, so dass ich später lange suchte, bis ich den einen bittersüßen Song auf Kassette gebannt hatte und ihn regelmäßig beim Schaukeln auf dem Walkman abspielte. Ja, ich war mit sechzehn noch nicht sechzehn nach heutigen Massstäben. Aber das Lied hat mich von da an begleitet und umspielt mich mit plätschernden Wahrheiten, Tatsachen, bitter und doch voller Hoffnung. Er verheißt mir jedesmal aufs Neue, dass das Leben süß werden und alles irgendwie gut werden wird.

Unter diesem Satz steht mein neuer Blog, denn wenn das Schreiben mich packt, sind die besten Zeiten nicht zwangsläufig in der Nähe und wenn ich schreibe, forme, sortiere und erkenne ich. Ich trenne das Bittere vom Süßen und oft muss das Bittere verschriftlicht bleiben, während ich das Süße aufsauge und mit in mein Leben nehme.

Ich bin keine Gute-Laune-Bloggerin mehr und wenn ich in meinem ersten (den meisten unbekannte, da gelöschten) myBlog noch witzig und selbstironisch schreiben konnte, dann lag es daran, dass ich eine Andere gewesen bin, die meine melancholische Seite in Tagebüchern auf Papier festhielt.- Doch möglicherweise ist diese Andere nur unter ganz viel kleinen Papierschnipseln begraben und das schichtweise Beschreiben dieser Zettel holt sie aus diesem Berg heraus?

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2 Kommentare zu “Warum bittersüß.

  1. Ich finde es sehr tröstlich – auch für mich – wenn du nun etwas offener mit dir umgehst. Ich bin ja auch keine Gute-Laune-Bloggerin. Die gute Laune nehme ich einfach mit, aber darüber schreiben? Da bin ich meistens zu ungeübt zu. Es ist doch meist das Belastende, das in Häppchen verpackt einen Namen braucht, um verdaut werden zu können …

    • Du findest einfach immer die schönsten Worte, um zu verpacken, was ich ähnlich sagen würde und sprichst mir dabei aus dem Herzen. Die gute Laune nehme ich mit- ich lebe sie sehr oft- aber die ungeklärten Dinge, die düsteren Gedanken, das Existenzielle muss ich niederschreiben (und bin fast wieder ungeübt darin).

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